Steuerungs- und Schaltanlagenbau: Am Puls der Produktion

Steuerungs- und Schaltanlagenbau beobachtet Entwicklung im Maschinenbau mit Sorge. Infrastrukturnahe Absatzbranchen, wie Bauindustrie, Gebäudesektor und Energieverteilung retten die Stimmung.
Teile des „elektronischen Organismus“ Foto: ©patboon – stock.adobe.com
Teile des „elektronischen Organismus“ Foto: ©patboon – stock.adobe.com
„Im Schaltschrank- und Steuerungsbau kommt es oft auf Millimeter an. Hinter den Türen aus Metall verbergen sich jede Menge Kabel, die – genau wie die Blutgefäße im menschlichen Körper – reibungslos funktionieren müssen, um einen „elektronischen Organismus“ optimal zu versorgen“, beschreibt der Werkzeug-Hersteller Astra nahezu lyrisch das Aufgabenspektrum einer Branche, die damit direkt am Puls der Produktion, ganz nahe bei Maschinen und Anlagen eingebunden ist.. Viele davon produzieren Schaltgeräte, Schaltanlagen und Industriesteuerungen und sind damit Teil der deutschen Automatisierungsindustrie. Die ist im Metall- und Maschinenbereich ebenso verortet wie in der Elektroindustrie, bei der im Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie „ZVEI“ auch der Bereich „Schaltgeräte, Schaltanlagen, Industriesteuerungen“ eingebunden ist. Heutzutage gehören Steuerungsanlagen zu den Komponenten der Elektrotechnik mit dem höchsten Automatisierungsgrad. 15,6 Milliarden Euro setzte die Branche 2017 um, 35 Prozent des Umsatzes wird im Bereich Steuerungen erzielt, im Niederspannungsbereich schlagen 24 Prozent im Bereich Schaltgeräte und Relais sowie 23 Prozent bei den Schaltanlagen zu Buche. Elektromagnetische Geräte, Schaltgeräte sowie Schaltanlagen komplettieren mit jeweils sechs Prozent im Hochspannungs-Segment.

„Noch zufrieden“

Noch gibt sich die Branche durchaus zufrieden, wenngleich die Entwicklung des Maschinenbaus mit einiger Sorge beobachtet wird. Noch intensiver werden aber Entwicklungen analysiert, die auch auf Steuerungen und Schaltanlagen Einfluss nehmen könnten. Wenn in der Vergangenheit das Thema Maschinensicherheit im Raum stand, ging es um mechanische Gefahren wie sich bewegende Bauteile, um thermische Gefahren wie heiße Bauteile oder Dämpfe und Flüssigkeiten sowie um elektrische Gefahren durch spannungsführende Bauteile. In Zeiten von „Industrie 4.0“ hat das Thema Sicherheit auch bei den Akteuren der Branchenbereiche Steuerungs- und Schaltanlagenbau eine ganz andere Bedeutung gewonnen. Längst sind IT und Produktion in den Unternehmen zusammengewachsen und bieten einen Angriffspunkt, dessen Bedeutung in vielen Unternehmen noch nicht deutlich geworden ist: Würmer, Trojaner oder andere unerwünschte Programme sickern unbemerkt von der herkömmlichen Infrastruktur aus in die Produktionsumgebung oder greifen Anlagen direkt an, weil sie mit dem Internet verbunden und unzureichend geschützt sind. Immer wieder kommt es zu Vorfällen, bei denen Angreifer – meist über das Office-Netz des Unternehmens oder Fernwartungszugänge – bis ins Produktionsnetz vordringen. Die Sorge um Hackerangriffe auf Industriesteuerungen nimmt zu.

„Würmer“ im Angriffsmodus?

Solche Sorgen werden auch im größten Verband der Elektrotechnik diskutiert. Im „ZVEI“ sind rund 160 Hersteller der deutschen elektrotechnischen Automatisierungstechnik mit Schwerpunkt auf Fertigungsautomatisierung vertreten. Wesentliche Abnehmerbranchen sind die Automobilindustrie, der Maschinen- und Anlagenbau, die Druck- und Papierindustrie, Lager- und Fördertechnik, Verpackungsindustrie, Energieversorgungsunternehmen sowie der Bereich der Erneuerbaren Energien mit den Schwerpunkten Windkraft- und Photovoltaikindustrie. Die Branche sieht sich gut gerüstet, noch bestätige sich die gute konjunkturelle Gesamtsituation aus dem Vorjahr, dennoch werde in einzelnen Absatzbranchen der Automation eine deutliche Abflachung des Geschäftsverlaufs erwartet. Besonders stark sei dies im Maschinenbau und der Automobilindustrie zu spüren. Sorgfältig beobachtet werden auch geopolitische Risiken wie der Zollstreit in den USA oder auch die starke Abwertung der türkischen Lira. „Viele Firmen hoffen, ihre Umsätze in etwa auf dem Niveau des Vorjahrs halten zu können, nur wenige gehen von leichten Umsatzzuwächsen aus“, heißt es bei ZVEI.

Maschinenbau bereitet Sorgen

Der Branche des Schaltschrank- und Steuerungsbaus wird eine Beschäftigtenzahl von 96.255 Mitarbeitern zugeschrieben. Tätigkeitsfelder sind insbesondere industrielle Niederspannungsschaltgeräte, vor allem Schalter und Niederspannungssicherungen zum Verbinden, Trennen oder Unterbrechen von Stromkreisen zur Bedienung und Überwachung einschließlich der notwendigen Sicherheitstechnik, die Branche fertigt Schaltanlagen für die Verteilung elektrischer Energie sowie die dafür erforderlichen Schutzeinrichtungen, aber auch Befehlsgeräte und Meldegeräte zum Ein- und Ausschalten von Maschinen und Anlagenteilen oder für die Anzeige von Anlagenzustände insbesondere im Hinblick auf Personen- und Anlagenschutz. Gefertigt und installiert werden auch Relais und Geräte zur Überwachung von Sicherheitsstromkreisen, Steuerungstechnik zur Steuerung vielfältigster Bewegungsabläufe im Maschinen- und Anlagenbau inklusive der erforderlichen Sicherheitssysteme sowie optische und induktive Sensoren zum Erfassen, Zählen, Klassifizieren und Positionieren von Objekten sowie die industrielle Verbindungstechnik zum robusten Anschließen von Energie- und Signalleitungen.

Brexit füllt Läger

Noch freue man sich bei infrastrukturnahen Absatzbranchen, wie zum Beispiel Bauindustrie, Gebäudesektor und Energieverteilung in Zweckbauten über die im Vorjahr aktivierten Höchststände, heißt es in der Jahresanalyse. Je nach Branchenausprägung konnten die Automatisierungshersteller sogar Umsatzsteigerungen im mittleren bis oberen einstelligen Bereich erzielen, vereinzelt auch im zweistelligen Bereich. „Aufgrund der schwierigen Material- und Komponentenbeschaffung versuchten viele Firmen offenbar, durch Zusatzbestellungen ihre Läger zu füllen“, heißt es. Dies sei auch im Zuge der Brexit-Situation beobachtet worden. „Erhebliche Sonderbestellungen“ seien aus Großbritannien zu verzeichnen gewesen. Gleichzeitig habe man aber auch die nachlassende Konjunkturentwicklung im Maschinenbau gespürt. Im Laufe des Jahres hätten sich die Auftragseingänge bei den meisten Firmen deutlich unter Vorjahresniveau eingependelt. „International zeigt sich derzeit ein deutlicher Rückgang in Asien. „Gerade auch in China ist die Geschäftslage zurzeit sehr volatil, was wohl zumindest teilweise auch auf die derzeitige Strafzolldiskussion zwischen USA und China zurückzuführen ist“, heißt es im Konjunkturbericht, der mit „deutlich vorsichtiger Prognose“ für das Gesamtjahr 2019 endet. Daran können auch die „starken Impulse“ aus der und auch die Rekord-Investitionen im Infrastrukturbereich nichts ändern.Reinhold Häken | redaktion@regiomanager.de

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Ausgabe 04/2019