Grüne Logistik: Grün auf der Überholspur

Logistiker wollen mehr als „zuverlässig“ und „sicher“: Bedeutungszuwachs für Umweltverträglichkeit. Akteure und Politik wollen die große Wende bis 2030.
Dass grüne Logistik gut fürs Image ist, beweist die Deutsche Post mit dem vollelektrischen StreetScooter (© Björn Wylezich − stock.adobe.com)
Dass grüne Logistik gut fürs Image ist, beweist die Deutsche Post mit dem vollelektrischen StreetScooter (© Björn Wylezich − stock.adobe.com)
In Deutschlands Städten herrscht dicke Luft: Stickoxide, Feinstaub und CO2 belasten Mensch und Umwelt. Als Hauptquelle der Stickstoffoxide haben Umweltverbände den Straßenverkehr und hier vor allem Dieselfahrzeuge ausgemacht. Für die negativen Umwelteffekte sei insbesondere auch der Güterverkehr verantwortlich: Ein Fünftel aller CO2-Emissionen in der EU werde durch die Logistik verursacht. Der Kampf um das fragile Klimasystem, gegen die globale Erwärmung und den Klimawandel ist auf vielen Ebenen eröffnet. Auch die Logistik öffnet sich der Problematik. „Grüne Logistik“ nimmt Fahrt auf. Noch seien „Preis“, „Zuverlässigkeit“ und „Sicherheit“ dominierend, künftig werde aber die „Umweltverträglichkeit“ den größten logistischen Bedeutungszuwachs erfahren“, ist der Deutsche Speditions- und Logistikverband (DSLV) überzeugt.

Druck nimmt zu

Der Druck von Verbrauchern, Kunden und Stakeholdern wächst. Das Bewusstsein sowie der Wille zu mehr Nachhaltigkeit nehmen Fahrt auf und spielen in der Praxis vieler Unternehmen eine immer größere Rolle. „Eine steigende Zahl von Unternehmen arbeitet an Lösungen, bei denen die ökonomischen und ökologischen Ziele komplementär sind. Längst haben die Unternehmen erkannt, dass z. B. die Ermittlung von Treibhausgasemissionen auch den Energieaufwand der eigenen Prozesskette verdeutlicht, wodurch zusätzliche Einsparmöglichkeiten sichtbar werden“, zeigt der DSLV Wege in die „grüne Logistik“ auf.

Wettbewerbsvorteile

Viele Unternehmen arbeiten daran. Bei der Auswahl seiner Geschäftspartner setzt schon jedes dritte Unternehmen, das Transportdienstleistungen in Anspruch nimmt, auf Partner, die klimafreundliche Fahrzeuge einsetzen. Viele Transportdienstleister wissen längst, dass eine detaillierte CO2-Bilanz für Transportdienstleistungen zu einer guten Unternehmensstrategie gehört. Knapp jeder Zweite (47 Prozent) sieht in dem Angebot, seine CO2-Bilanz auszuweisen, einen klaren Wettbewerbsvorteil sowie bessere Vermarktungsstrategien, weil sich damit ein zukunftsorientiertes, dynamisches Image entwickeln lässt. Auch wenn noch viele Fragen offenbleiben, wünschen die Logistiker Hilfestellung bei der Planung und Optimierung klimafreundlicherer Transportplanung, um die eigene Klimabilanz zu verbessern. Gefragt ist auch eine Lösungsberatung, um die Erstellung eines „eigenen“ CO2-Fußabdruckes zu erleichtern.

Innovationsprogramm Logistik

Die Zukunft hat auch die Politik in den Blick genommen: „Heute sind klima- und umweltfreundliche Transporte nur ein Geschäftsmodell unter vielen; 2030 ist das der Standard“, so Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Im „Innovationsprogramm Logistik 2030“ zeigt das Ministerium zehn Maßnahmenfelder auf, die bezogen auf einzelne Logistiksektoren Ziele, Umsetzungsschritte sowie die jeweiligen Adressaten für mehr Nachhaltigkeit umfassen. In den Fokus genommen werden dabei u. a. die digitale Transformation, die Vernetzung, das digitale Transportmanagement, der innovative Güterverkehr, Lösungen für die letzte Meile, die Verlagerung von Verkehr auf Schiene und Binnenschiff sowie die Optimierung der Verkehrsträger Lkw und Frachtflugzeug.

Wandel bis 2030

Das Szenario, in dem auch die Schiene, das Flugzeug, die Binnenschifffahrt analysiert werden, geht davon aus, dass bis 2030 Fahrzeuge mit alternativen Antrieben und Kraftstoffen dominieren. Nutzfahrzeuge mit elektrischen Antrieben haben bei den Neuzulassungen die herkömmliche Technik abgelöst. Emissionsfreie Modelle mit Batterie- und Brennstoffzellenantrieb rollen durch die Republik. „Auch Hybridmodelle in Kombination mit einer Oberleitung sind auf ausgewählten Relationen mit Pendelverkehren längst ein gewohntes Bild auf deutschen Straßen“, heißt die grüne Perspektive, in der auch künftige Einfuhrregularien in europäische Städte beschrieben und analysiert werden. Lkw-geeignete Ladesäulen, Wasserstofftankstellen und an den Hauptachsen auch Oberleitungsinfrastruktur sollen dafür bereitstehen. Schließlich ist auch der grüne Ersatz für Diesel im Tank: Synthetischer Dieselkraftstoff wird aus erneuerbarem Strom gewonnen, erdgasbetriebene Brummer nutzen erneuerbares Gas, das als synthetisches Methan aus Biomasse oder erneuerbarem Strom gewonnen wird. Die Emissionen sind im Sinkflug, die grüne Logistik nimmt Fahrt auf.
Reinhold Häken | redaktion@regiomanager.de

Ausgabe 03/2021