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Unbekannt und doch omnipräsent: die Klima- und Kältetechnik Foto: © Andy Ilmberger – stock.adobe.com

Unsichtbare Superhelden

Kaum jemand kennt die Kälte- und Klimatechnikbranche. Dabei würde ohne gute Kühlung Deutschland in kürzerster Zeit lahm liegen.



Die Branche der Kälte- und Klimatechnik hat laut Bundesinnungsmeister Heribert Baumeister ein großes Problem: Kaum ein Bürger ist sich wirklich dessen bewusst, dass es sie gibt. Und dabei brauchen sich die Betriebe nicht zu verstecken. Nicht nur ist die Rendite in dem Sektor nach eigenen Angaben vorzeigbar, auch erfüllt die Kälte- und Klimatechnik eine maßgebliche Rolle in der Gesellschaft. Um das zu verdeutlichen, zeichnet Baumeister ein fiktives Szenario: ein Hochsommer, in dem alle Kälteanlagen ausfallen. „In 48 Stunden würde Deutschland am Boden liegen“, erzählt der Kälteanlagenbauermeister. Und das ist nicht übertrieben. Offensichtlich ist noch, dass die Lebensmittelversorgung zusammenbräche. Aber auch bei den Krankenhäusern fielen die Systeme ohne Klimatechnik aus. Blutkonserven würden nicht mehr frisch gehalten werden können, OP-Räume nicht gekühlt. Nicht zuletzt würde der kältetechnische Super-GAU schließlich auch die Rechenzentren lahmlegen. Und damit zusammenhängend könnten keine Bankgeschäfte mehr stattfinden, der Flugverkehr müsste ausgesetzt werden et cetera. „Es würde nichts mehr funktionieren“, ist sich Baumeister sicher.

3,3 Milliarden Euro Umsatz

24.000 Mitarbeiter sorgen in rund 2.500 Betrieben dafür, dass dieses Szenario Fiktion bleibt. Oft gibt es noch kleine Ein- bis Zweimannbetriebe, die Tendenz geht aber in der Branche zu größeren Unternehmen mit rund 15 bis 20 Mitarbeitern. Hinzu kommen ein paar wenige Riesen mit bis zu 100 Mitarbeitern. Auch in der Fokussierung spiegelt sich eine große Bandbreite wider: „Es gibt Betriebe, die sehr viel im Bereich Klimatechnik unterwegs sind. Andere haben den Schwerpunkt Kältetechnik oder Transportkühlung“, so der Innungsmeister. Außerdem gebe es natürlich noch sehr spezialisierte Betriebe wie die, welche beispielsweise für die Winterberger Eisarena zuständig sind. Und natürlich dürfen die Alleskönner nicht fehlen, die den gesamten Aufgabenbereich in einer bestimmten Region abbilden. Insgesamt erwirtschaftete die Branche bei der letzten Erhebung im Jahr 2015 einen Umsatz von 3,3 Milliarden Euro. Auf die Zahlen von 2017, die in wenigen Wochen erscheinen werden, blickt Baumeister ebenfalls zuversichtlich: „Die Tendenz ist steigend.“ Selbiges gilt für die Rendite; die Unternehmen sind wirtschaftlich gesund.

Was der Fachmann zum Ist-Stand der technischen Kühlmöglichkeiten zu erzählen hat, zeigt, wie hochkomplex die Materie ist. Vernetzte Gebäude sind mittlerweile ein Standard. Eine Klimaanlage kühlt beispielsweise nur dann, wenn auch jemand im Büro ist. Gleichzeitig ist sie noch im Kontakt mit dem Licht, den Rollläden, Aufzügen, Eingangstüren et cetera. Dadurch entstehen hochmoderne Bürogebäude. Auch in Sachen Klimaeffizienz ist der heutige Stand deutlich weiter als nur beim Kühlen. Gewonnene Wärme aus den Kühlanlagen wird in Geschäften beispielsweise als Heizung verwendet und so effektiv wiederverwertet. „Eine Metzgerei braucht viel heißes Wasser. Diese kann sie aus den Kälteanlagen abzweigen“, nennt Baumeister ein weiteres Beispiel.

Fachkräfte fehlen

Um die hochkomplexen Systeme zu verinnerlichen, braucht es eigentlich die besten Schulabgänger. In der Branche werden Menschen mit Köpfchen gebraucht, die neben handwerklichen Qualifikationen auch ein naturwissenschaftliches Verständnis und gewisse Fertigkeiten beim Thema Programmierung mitbringen. Doch genau hier liegt ein großes Problem: Kaum einer weiß von der Kälte- und Klimatechnik. Und so trifft der überall akute Fachkräftemangel diese Branche doppelt deutlich. Es gibt zu wenige Bewerber, Betriebe geraten an ihre Leistungsgrenzen trotz hoher Auftragslage.

Diese Problematik geht der Bundesinnungsverband des Deutschen Kälteanlagenbauerhandwerks (BIV) nun an. Mit seiner Kampagne „Der coolste Job der Welt“ versucht er u.a. auf Ausbildungsmessen, Nachwuchskältebauern das Gewerbe schmackhaft zu machen. Auch in den neunten Klassen ist der BIV zugegen, um die Schüler schon da zu überzeugen, wo die beruflichen Weichen gelegt werden. „Ein Handwerksmeister kann finanziell durchaus mit einem studierten Maschinenbauer gleichziehen und seine Familie gut ernähren“, ist Heribert Baumeister überzeugt. Der Job bleibt also für den Nachwuchs attraktiv.

Neben dem Fachkräftemangel beschäftigt auch die Digitalisierung die Kälte- und Klimatechniker. Die notwendigen Umstellungen in den Betrieben fangen schon beim Bestücken der Montagefahrzeuge an: Hier werden in Zukunft QR-Codes eingesetzt werden können, um den Lagerbestand digital zu kontrollieren. Techniker vor Ort brauchen keinen Stundenzettel mehr, sondern können erforderliche Daten direkt im Tablet verarbeiten – bis zur Unterschrift kann alles digitalisiert werden. Aber auch im großen Maße wird das Thema Digitalisierung den Markt beeinflussen – Stichwort Building Information Modeling, kurz BIM. Bei dieser Methode zeichnet der Architekt keinen Entwurf mehr, sondern modelliert das Haus virtuell. In der Planung ist jede Komponente klar verzeichnet, auch Wartungskosten und Verbrauch können genau berechnet werden. Das virtuelle Pendant wird auch in der Ausführungsphase noch genutzt. So sind beispielsweise Wartungsintervalle festgelegt. Diese Technik wird in Zukunft auch die Kälte- und Klimatechniker bewegen. Bauplanung wird virtualisiert. „Wer bei der Digitalisierung nicht mitgeht, der verliert“, weiß der Bundesinnungsmeister.

Das Umweltproblem

Noch unlösbar scheinen in der Branche die Probleme, die mit der sogenannten F-Gas-Verordnung (F für „fluorierte Treibhausgase“) der Europäischen Union auftreten. Seit 2016 muss sukzessive der Einsatz des Kältemittelgases HFKW reduziert werden. Das Problem: Es gibt noch kein natürliches Kältemittel, welches ähnliche Ergebnisse liefert. Propan und Butan sind hochentzündlich, Ammoniak schädlich für den Menschen und CO2 arbeitet mit einem extremen Druck von bis zu 120 bar. Erste chemische Alternativen sind in der Entwicklung, aber noch nicht final testet. „Die Herausforderung ist, jetzt umzuschwenken“, so Baumeister. Bis 2030 muss der umweltschädliche Stoff bis auf ein Minimum reduziert sein. Alleine um 30 Prozent soll die Nutzung in diesem Jahr reduziert werden. Erschwerend tritt hinzu, die Unternehmen davon zu überzeugen, auf eine neue Anlage umzuschwenken: „Wenn ein Betrieb vor fünf Jahren seine Anlage erneuert hat, wird er sich das schwer überlegen“, so der Kühlanlagenbauer. Schließlich komme auf eine Bäckerei oder Fleischerei mitunter eine fünf- bis sechsstellige Investitionssumme zu. Langweilig wird es dem unbekannten „Superhelden“ Klima- und Kältetechnik also nicht.

 

Nathanael Ullmann | redaktion@regiomanager.de

Ausgabe 02/2018