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Foto: Jeffrey Collingwood – stock.adobe.com

Künstlich am Leben gehalten

Warum europäische Zombie-Unternehmen eine Gefahr für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit sind und welche Rolle die EZB hierbei spielt.



Zombies kennt man aus Horrorfilmen. Weniger bekannt ist, dass diese verstärkt in Europa ihr Unwesen treiben. Die Rede ist allerdings nicht von fiktiven Fabelwesen, sondern von Zombie-Unternehmen. Diese fristen genau wie ihre Namenspaten ein unnatürliches Dasein und richten Schaden an. Davor warnt in jüngster Zeit besonders eindringlich die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Industrienationen. Bereits im Januar vergangenen Jahres hat die internationale Staatenorganisation einen Bericht veröffentlicht, wonach die wachsende Zahl an Zombie-Unternehmen seit Mitte der 2000er Jahre die Produktivität in einigen entwickelten Volkswirtschaften deutlich geschwächt habe. Im November 2017 haben zwei Autoren der OECD mit der umfassenden Untersuchung „Breaking the Shackles: Zombie Firms, Weak Banks and Depressed Restructuring in Europe“ dann noch einmal nachgelegt. Demzufolge bremsen Zombie-Firmen den Aufschwung und schwächen die Wettbewerbsfähigkeit in Europa. „Das zunehmende Überleben von Zombie-Firmen verstopft die Märkte und beschränkt das Wachstum von produktiveren Firmen“, heißt es in dem Bericht. Eine einheitliche Definition von Zombie-Unternehmen gibt es nicht. Ihnen ist jedoch gemein, dass sie nach den Regeln eines freien Marktes nicht mehr existieren dürften. Statt in die Insolvenz zu gehen, binden diese kaputten Firmen Ressourcen sowie Kredite und stören so die Entwicklung gesunder Unternehmen und innovativer Start-ups. Warum die Zombies in der Wirtschaft nicht ihr gerechtes Ableben erfahren, dafür liefern die OECD-Autoren auch eine Erklärung. „Die Ergebnisse zeigen, dass Zombie-Unternehmen eher mit schwachen Banken verbunden sind, was darauf hindeutet, dass das Zombie-Unternehmensproblem in Europa zumindest teilweise auf nachsichtige Bankenregeln zurückzuführen ist.“ Die Autoren betonen also einen Zusammenhang zwischen kranken Unternehmen und kranken Banken. Letztere würden fällige Kredite aus Eigeninteresse nicht eintreiben. Denn wenn sie marode Unternehmen in die Insolvenz zwingen, dann reißt das bei den Vermögenswerten auch ein Loch in ihre Bilanz. Dank der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist es für sie daher vorteilhafter, Zombie-Firmen mit weiteren günstigen Krediten künstlich am Leben zu erhalten.

Kranke Banken vergrößern das Problem

Eine Gruppe von Forschern unter der Beteiligung von Michael Koetter vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat vergangenes Jahr in einer Studie ebenfalls eine Wechselbeziehung zwischen schwachen Banken und schwachen Unternehmen deutlich gemacht. Die Forscher fanden heraus: Scheitern die Banken daran, ihre finanziellen Probleme in den Griff zu bekommen, behindert das auch den Schuldenabbau von Unternehmen, die ohnehin ums Überleben kämpfen – und steigert mitunter sogar deren Schulden.

Für die Studie haben die Wirtschaftsforscher über 400 000 kleine und mittelständische Unternehmen in Griechenland, Irland, Portugal, Spanien, Slowenien (Randstaaten der Eurozone) sowie in Deutschland und Frankreich (Kernländer) zwischen 2010 und 2014 untersucht. Es zeigte sich, dass die Schulden gesunder Firmen durch den Stress der Banken weitgehend unberührt blieben. Im Durchschnitt konnten diese Firmen ihre Schulden sogar abbauen. Zombie-Firmen hingegen hielten der Notlage der Banken nicht stand. „Diese Firmen haben ohnehin schon hohe Schulden. Die Schieflage der Banken hat nun dazu geführt, dass ihre Schulden sogar noch weiter stiegen. Und zwar um einen Prozentpunkt jährlich“, so Koetter.

Die Ergebnisse waren jedoch nur in den Randgebieten der Eurozone signifikant, in den Kernländern Deutschland und Frankreich hatten die gestressten Banken keinen Einfluss auf die Schulden, weder auf die der kleinen und mittelständischen Unternehmen noch auf die der Zombie-Firmen. Damit spiegeln die Ergebnisse der Studie auch die geographische Verteilung von angeschlagenen Banken und Zombie-Firmen wider, von denen zwar nicht alle, aber doch die meisten in den Randgebieten der Eurozone liegen. Das sieht auch die OECD so, die das Zombie-Problem ebenfalls vor allem in den Volkswirtschaften Südeuropas verortet. So habe sich der Anteil des in unproduktiven Unternehmen gebundenen Kapitals in Spanien zwischen 2007 und 2013 auf rund 16 Prozent verdoppelt. In Italien liegt er laut den OECD-Autoren bei 19 Prozent, Griechenland nimmt mit 28 Prozent einen unrühmlichen Spitzenplatz ein. Zum Vergleich: Für Deutschland weist die OECD einen Wert von 12 Prozent auf.

Keine Angst vor deutschen Zombies

Tatsächlich sind hierzulande relativ wenig „untote Unternehmen“ unterwegs. Die Deutsche Bundesbank verweist auf Nachfrage auf ihren Monatsbericht vom Dezember 2017, in dem sie sich auch explizit mit Zombie-Unternehmen in Deutschland befasst. Dies seien diejenigen Unternehmen, „die nicht aus dem Markt ausscheiden, obwohl ihre Einnahmen aus dem operativen Geschäft mittelfristig zu gering sind, um wichtige Aufwandspositionen finanzieren zu können.“ Nach einer Analyse der Bundesbank gibt es in Deutschland je nach Definition rund zwei bis fünf Prozent kranke Unternehmen. „Der Anteil von Zombie-Unternehmen an den Unternehmen insgesamt in Deutschland ist gering und hat während des Niedrigzinsumfelds nicht zugenommen. Aufgrund ihrer geringen Bedeutung dürften von Zombie-Unternehmen aktuell keine spürbar dämpfenden Effekte auf das Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum in Deutschland ausgehen. Dieser Befund steht im Einklang mit der Einschätzung, dass sich der deutsche Unternehmenssektor seit mehreren Jahren in überwiegend guter Verfassung befindet“, so die Schlussfolgerung der Bundesbank.

Auch wenn Zombie-Firmen in Deutschland nicht auf dem Vormarsch sind, sieht die OECD mit Blick auf Europa Handlungsbedarf. Eine Reform der Insolvenzregeln sei dabei erforderlich, um nicht lebensfähige Unternehmen aus dem Markt zu entfernen. Vor allem in den südeuropäischen Ländern ist die Abwicklung maroder Firmen der OECD zufolge derzeit noch ein schleppender und mühevoller Prozess.

Darüber hinaus muss die Politik Anreize für Banken schaffen, ihre faulen Kredite abzubauen, so die Forscher vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Denn das begünstige wiederum auch den Schuldenabbau im Unternehmenssektor. „Ob und wie schnell Schulden in Unternehmen abgebaut werden, hängt also grundsätzlich auch davon ab, wie Unternehmens- und Finanzsektor miteinander interagieren“, erklärt Koetter. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Wechselbeziehung zwischen geschwächten Banken und ebenfalls geschwächten Unternehmen eine mögliche Ursache für den Verzug des Schuldenabbaus in den Randgebieten der Eurozone ist. Eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung braucht daher beides, den Schuldenabbau von Banken und den von Unternehmen.“

Alexander Kirschbaum | redaktion@regio-manger.de

Ausgabe 02/2018