Gründer: An alles gedacht?

Checkliste zur Selbstständigkeit
Foto: © marvent - stock.adobe.com
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Mögen eine berufliche Selbstständigkeit, die Aussicht darauf, endlich sein eigener Chef zu sein, auch verlockend klingen: Eine Existenzgründung sollte gut durchdacht und noch besser geplant sein, um am Ende den gewünschten Erfolg zu erzielen.

Golfplatz statt Stechuhr?

Niemandem Rechenschaft schuldig sein als dem eigenen Gewissen, sein Hobby zum Beruf machen und dabei möglichst viel Geld verdienen: Wären diese Folgen Selbstläufer jeder beruflichen Selbstständigkeit, gäbe es höchstwahrscheinlich kaum mehr Angestelltenverhältnisse. Doch die Realität zeigt ein anderes Gesicht: Flexible Zeiten bedeuten auch Abend- und Wochenendarbeit, absolute Freiheit heißt ebenso hohe Selbstdisziplin, und das Konto füllt sich in der Regel nur langsam. Wer eine Selbstständigkeit plant, sollte um die Risiken einer Existenzgründung wissen und sich bereits im Vorfeld gegen sämtliche Eventualitäten wie finanzielle Hindernisse, aber auch emotionale Hürden möglichst umfassend absichern und eine strategisch bestmögliche Vermarktung anstreben – unabhängig von der Unternehmensgröße und -branche.

Morgens aufgewacht, mittags gekündigt?

Spontaneität gibt dem Leben einen Kick, alles durchzuplanen, schlägt oftmals fehl. Dennoch sollte die Entscheidung zu einer Selbstständigkeit nicht aus einer Laune heraus oder ausschließlich situationsgeschuldet getroffen werden. Wissenschaftler unterscheiden zwischen zwei Arten der Motivation. Danach
  • ist der eigene Wunsch die Triebkraft der intrinsischen Motivation,
  • bestimmen bei einer extrinsischen Motivation äußere Begebenheiten Verhaltensweisen und Entscheidungen.

Über ein Drittel aller Existenzgründer in Deutschland führt als Beweggrund für ihre berufliche Selbstständigkeit fehlende Alternativen ins Feld – keine idealen Voraussetzungen: Wer sich allein aufgrund nicht beeinflussbarer Bedingungen zu dem einschneidenden Schritt gezwungen sieht, dem mangelt es möglicherweise am Bewusstsein, was dieser Schritt wirklich bedeutet. Denn für alle Lebensbereiche gilt: Wer Risiken eingehen möchte, sollte das Für und Wider vorab gut abwägen.

Es darauf ankommen lassen

Doch ein Drittel heißt auch, dass sich rund 66 Prozent aller Existenzgründer nicht nur wegen aussichtsreicher Fördermittel oder aufgrund einer vorübergehenden Arbeitslosigkeit neu ausrichten. Vor allem in den zukunftsorientierten Industriebereichen Ökologie und Digitales etwas Eigenes zu schaffen, liegt ihnen am Herzen.

Viele Jungunternehmer haben ihre Arbeit getan. Sie haben in Betracht gezogen, dass eigenverantwortliches Arbeiten und eine freie Einteilung der Arbeitszeit nicht in jedem Fall zur erhofften Zukunftsperspektiven führen muss, den Wunsch der Umsetzung eigener Ideen ihren finanziellen Risiken gegenübergestellt. Dies alles, so gut sich ein geplantes Geschäftsmodell eben kalkulieren lässt – erst die Zeit wird zeigen, ob sich ein Erfolg einstellt. Was allerdings möglich ist, ist eine sorgfältige Planung, um möglichst vielen der neuen Herausforderungen gewappnet gegenüberzustehen.

Zündet die Idee?

Soll man auch nicht zu viel auf die Meinung anderer geben: Wer mit einer eigenen Geschäftsidee beruflich erfolgreich werden möchte, sollte auch Unbeteiligte für genau diese Idee begeistern können. Eine Tendenz der Chancen und Risiken lässt sich durch zielgerichtete Marktanalysen ermitteln:
  • Wer soll angesprochen werden, wie groß ist die Gruppe der potenziellen Kunden?
  • Wie hoch ist die Konkurrenz, mit welchem Alleinstellungsmerkmal lässt sie sich schlagen?
  • Welche fachlichen Qualifikationen müssen noch erlernt werden, welche Erfahrungen gemacht?
Dabei lassen sich die erforderlichen Daten auf zwei Wegen erheben:
  • Primärmarktforschung – Marktbeobachtungen, Befragung von Experten, Zielgruppenangehörigen
  • Sekundärmarktforschung – Analyse bestehender Datensätze wie Statistiken oder Geschäftsberichten

Auch persönliche Voraussetzungen spielen bedeutende Rollen: Wie hoch sind die eigene Belastbarkeit, Selbstdisziplin und Ausdauer? Nur, wer einhundertprozentig von seiner Geschäftsidee überzeugt ist, wird auch andere überzeugen können. Und nicht zu vergessen: Spaß an seiner Arbeit haben!

Nicht einfach ins Blaue hinein

Steht die Idee, sollte ihr ein durchdachtes Konzept folgen, eine detaillierte Auseinandersetzung mit sämtlichen Aspekten des Geschäftsmodells. Dabei dient die Aufstellung eines ausgefeilten Businessplans nicht nur als eigener Leitfaden, sondern auch als Grundlage für mögliche Kreditgeber.

Sponsoren suchen

Nicht nur Crowdfunding-Start-ups hoffen auf die Unterstützung potenzieller Geldgeber. Unabhängig von Art und Weise ihrer geplanten Marktteilnahme können Existenzgründer Hilfe in Anspruch nehmen: durch die Aufnahme eines Privatkredits oder einer Finanzspritze durch die zuständige Agentur für Arbeit, aber auch durch Leitfäden der Industrie- und Handelskammer, Tipps und Empfehlungen kommunaler Institutionen oder Besuchen von Existenzgründerseminaren.

Eigene Regeln brechen

Welche Ziele werden verfolgt? Eine Einteilung in Etappen vereinfacht die Planung der jeweiligen Aufgaben und Tätigkeiten und konzentriert den Fokus auf das Wesentliche. Dank digitaler Terminkalender und smarter Erinnerungsfunktionen lassen sich To-do-Listen abarbeiten, ohne den Überblick zu verlieren. Dabei gilt allerdings auch: Regeln dürfen gebrochen werden! Gerade in der heutigen Zeit können sich Trends täglich ändern, neue Technologien binnen kurzem den Markt bestimmen. An Morgen zu denken, sollten Unternehmensgründer wörtlich nehmen: Gegenüber Ausblicken in die ferne Zukunft lassen sich kurz- und mittelfristige Ziele nicht nur besser setzen, sondern auch eher erreichen.

Budget kalkulieren

Geld bestimmt die Welt? Zumindest ist bei einer Existenzgründung auch eine realistische Finanzplanung unerlässlich. Wie hoch ist der Kapitalbedarf, wie hoch das vorhandene Budget? Welche Rechtsform bietet benötigte Zugangsmöglichkeiten zum Kapitalmarkt? In den seltensten Fällen wird von Beginn an ein Gewinn erwirtschaftet. Im Gegenteil: Verluste sollten einkalkuliert, unvorhergesehene Engpässe oder Begebenheiten berücksichtigt werden. Zur Ermittlung der regelmäßig anfallenden Ausgaben zählen
  • einmalige Ausgaben wie die Ausstattung der Büro- oder Lagerräume, Software, Lizenzen und Genehmigungen
  • wiederkehrende Fixkosten wie Miete, Nebenkosten, Zinstilgungen, Produktions- und Materialkosten sowie Versicherungsgebühren
  • Lohnzahlungen für Arbeitgeber


Das Unsichere absichern lassen

Versicherungen sind ebenfalls ein bedeutendes Thema für Existenzgründer. Während über die meisten Policen optional entschieden werden kann, ist ein Abschluss einer privaten oder gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung für Selbstständige in Deutschland gesetzlich verpflichtend. Der aktuelle Krankenkassen-Beitragssatz (Stand: 2021) beträgt für freiwillig Krankenversicherte ohne kassenindividuelle Zusatzbeiträge 14 Prozent, bei Anspruch auf gesetzliches Krankengeld liegt er um 0,6 Prozentpunkte höher.

Doch nicht nur der Krankheitsfall sollte finanziell abgesichert sein, sondern auch das Alter. Nur wenige selbstständige Berufsgruppen wie Hochschuldozenten oder Publizisten sind zur Einzahlung in das gesetzliche Rentensystem verpflichtet – kursieren auch immer wieder Gerüchte um einen Gesetzentwurf, der eine Rentenversicherungspflicht für alle Selbstständigen vorsieht, die nicht nachweislich in Eigenregie wie durch Einzahlungen in ein Versorgungswerk für spätere Lebensjahre Vorkehrungen treffen.

Derzeit gilt: Existenzgründer müssen ihre eigene Entscheidung fällen, ob und wie sie eine finanzielle Sorglosigkeit im Alter erreichen möchten und können. Die beliebteste Option ist die private Rentenversicherung. Dabei sollte beim Vergleich der verschiedenen Tarife vor allem auf die Möglichkeit einer flexiblen Anpassung an die persönliche unternehmerische Situation geachtet werden.

Unabhängig von der Art der Selbstständigkeit schließlich können Betriebs-Haftpflichtversicherungen gegen geringe Beitragszahlungen in Schadensfällen gesamte Existenzen sichern. Ob sich der Abschluss weiterer Policen wie einer Berufsunfähigkeits-, Rechtsschutz- oder Inhaltsversicherung lohnt, kann nur unter Betrachtung des Einzelfalls entschieden werden.

In den Tag arbeiten?

Bei aller Liebe zur Spontaneität sollte nicht alles der inneren Uhr überlassen werden. Wer rechtzeitig für relevante Strukturen sorgt, kann Arbeitsprozesse zeit- und kosteneffektiv organisieren. Vor allem als Arbeitgeber ist eine Vorbildfunktion auch durch eine regelmäßige Anwesenheit in zugänglichen Büroräumen Pflicht. Wer vor seiner Existenzgründung im Angestelltenverhältnis tätig war, weiß um die Bedeutung einer nachvollziehbaren Unternehmensführung.

Bekanntheitsgrad steigern

Das Produkt mag noch so ausgefeilt, die Dienstleistung noch so optimal auf die Wünsche der Konsumenten zugeschnitten sein: Ohne Werbung lässt sich nur schwer ein Kundenstamm aufbauen. Dabei können trotz zunehmenden Online-Marketings auch Flyer oder Annoncen in Printmedien noch immer Aufmerksamkeit schüren.
  • Eine eigene Webseite ist Pflicht und lässt sich dank einfacher Baukastensysteme auch von Laien problemlos gestalten
  • Durch Plattformen in den sozialen Medien können große Reichweiten erzielt sowie die Erfolge der Werbemaßnahmen gemessen werden
  • Klassische Anzeigen in Fachzeitschriften oder maßgeschneiderte Werbeslogans in Prospekten wecken nicht selten das Interesse der Zielgruppe
In allen Fällen gilt: Bereits vor der Existenzgründung sollte eine Corporate Identity entwickelt und langfristig beibehalten werden. Nur so wird der Wiedererkennungseffekt garantiert, nur so eine Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit des Markennamens geschaffen.

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Deutschland-Ausgabe 2019