Wer in diesen Tagen über Nordrhein-Westfalen spricht, erntet oft ein müdes Lächeln. Zu teuer. Zu bürokratisch. Zu langsam. Die Schlagzeilen der vergangenen Jahre zeichnen das Bild einer Region im permanenten Krisenmodus: Energiekosten explodieren, Genehmigungsverfahren dauern ewig, der Mittelstand ächzt unter Steuerlast und Auflagen. Doch während andere Bundesländer mit vollmundigen Versprechen um Investoren werben, passiert etwas Erstaunliches: NRW liegt bei internationalen Standort-Rankings ganz vorne Im März 2024 stufte die Analyse ‚European Cities and Regions of the Future 2024‘ von fDi Intelligence Nordrhein-Westfalen als attraktivsten Investitionsstandort Deutschlands ein; europaweit belegte NRW unter den großen Regionen Platz 3. in Kategorien wie „Human Capital & Lifestyle“, „Business Friendliness“ und „Connectivity“.
Wie passt das zusammen? Die Antwort liegt tiefer als jede Schlagzeile reicht – in einer wirtschaftlichen Substanz, die sich nicht von kurzfristigen Turbulenzen erschüttern lässt.
Masse und Klasse zugleich
Die nackten Zahlen sprechen eine klare Sprache. Mit rund 18 Millionen Einwohnern ist Nordrhein-Westfalen nicht nur das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands, sondern erwirtschaftet auch gut 20 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Das allein wäre noch keine Sensation. Entscheidend ist die Breite: Etwa 22.000 internationale Unternehmen haben hier ihren Sitz, dazu kommen rund 700.000 kleine und mittlere Unternehmen sowie unzählige Familienunternehmen – bundesweit der größte Anteil.
Diese Vielfalt macht NRW resilient. Während andere Regionen bei Branchenkrisen ins Wanken geraten, federt die breite Aufstellung Schocks ab. Als die Automobilindustrie in die Krise rutschte, trugen Chemie, Logistik und Dienstleistungen die Last mit. Als die Stahlindustrie schwächelte, sprangen Pharma, Medizintechnik und IT in die Bresche. Die Region hat gelernt, was Diversifikation bedeutet – nicht aus Lehrbüchern, sondern aus harter Erfahrung.
Produktiv trotz Herausforderungen
Kritiker verweisen gerne auf die hohen Lohnnebenkosten und die Steuerlast. Beides stimmt. Doch was dabei übersehen wird: Die Produktivität in NRW liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Laut einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Consult) vom Juni 2025 sind Erwerbstätige in NRW rund 9 Prozent produktiver als der EU-Durchschnitt, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt sogar 20 Prozent darüber. „NRW vereint industrielle Stärke mit Innovationskraft. Die Region hat früh verstanden, dass Transformation kein Schlagwort ist, sondern Überlebensstrategie“, fasst die IW-Consult-Studie vom Juni 2025 sinngemäß zusammen.
Was bedeutet das konkret? Es bedeutet, dass Unternehmen in NRW zwar höhere Kosten tragen, aber im Gegenzug auf qualifizierte Fachkräfte, exzellente Forschung und eine Infrastruktur zurückgreifen können, die ihresgleichen sucht. Nirgendwo in Deutschland ist die Dichte an Hochschulen, Forschungsinstituten und Transferzentren größer. 67 Hochschulen, zwei Elite-Universitäten, zahlreiche Exzellenzcluster – die Innovationskraft, die hier entsteht, findet schnell den Weg in die Praxis.
Die unsichtbare Stärke: Erreichbarkeit
Ein Faktor wird in Standortdebatten oft unterschätzt: die Lage. Nordrhein-Westfalen liegt im Herzen Europas. Von hier aus sind in einem Radius von 500 Kilometern etwa 160 Millionen Konsumenten erreichbar – ein Binnenmarkt, von dem andere Regionen nur träumen können. Rotterdam, Amsterdam, Brüssel, Paris, Zürich, Mailand: Alle großen europäischen Wirtschaftszentren liegen in Reichweite. Die Rheinschiene, das dichteste Autobahnnetz Deutschlands, mehrere Großflughäfen und einer der bedeutendsten Binnenhäfen Europas in Duisburg – die logistische Erreichbarkeit ist konkurrenzlos.
Für produzierende Unternehmen bedeutet das kurze Wege zu Lieferanten und Kunden. Für Dienstleister eröffnet sich ein riesiger Absatzmarkt. Und für internationale Konzerne ist NRW der ideale Brückenkopf nach Europa.
Transformation statt Nostalgie
Was NRW von vielen anderen Industrieregionen unterscheidet, ist der Umgang mit Veränderung. Das Land hat schmerzhaft gelernt, was passiert, wenn man zu lange an alten Strukturen festhält. Der Niedergang von Kohle und Stahl hat tiefe Narben hinterlassen. Doch genau diese Erfahrung hat eine Mentalität geprägt, die heute zum Vorteil wird: die Bereitschaft, Dinge neu zu denken.
Heute positioniert sich NRW als Vorreiter für Wasserstofftechnologie, Kreislaufwirtschaft und digitale Transformation. Die ehemaligen Industriebrachen im Ruhrgebiet werden zu Innovations-Hubs umgebaut. Chemiekonzerne investieren Milliarden in klimaneutrale Produktion. Stahlwerke experimentieren mit grünem Wasserstoff. Energieversorger entwickeln Smart-Grid-Lösungen. „NRW treibt Europas grüne und digitale Wende voran“, fasst die IW-Studie zusammen – und belegt das mit beeindruckenden Investitionszahlen.
Natürlich läuft nicht alles rund. Die Genehmigungsverfahren sind nach wie vor eine Zumutung. Die Bürokratie frisst Energie und Nerven. Die Steuerlast bleibt hoch. Doch während andere Regionen noch diskutieren, wird in NRW bereits gebaut, geforscht und produziert. Die Transformation ist kein Zukunftsprojekt mehr – sie ist Realität.
Finanzielle Solidität als Fundament
Ein weiterer Punkt, der gerade in unsicheren Zeiten zählt: die finanzielle Stabilität des Landes. Im Mai 2025 bestätigte die Ratingagentur Fitch dem Land Nordrhein-Westfalen die Bestnote AAA – ein Signal, das Investoren weltweit verstehen. „Die Bonität von NRW bleibt auf höchstem Niveau. Das signalisiert stabile Staatsfinanzen und geringe Kreditrisiken“, heißt es im Fitch-Rating-Report sinngemäß.
Was nach trockener Finanzsprache klingt, hat handfeste Auswirkungen: Investoren wissen, dass ihre Projekte in NRW nicht an Haushaltsengpässen scheitern. Unternehmen können darauf vertrauen, dass angekündigte Förderprogramme auch umgesetzt werden. Und Banken vergeben Kredite zu günstigeren Konditionen, wenn das Land als Standort im Spiel ist.
Die Marke lebt von Menschen
Am Ende sind es nicht Zahlen, Rankings oder Infrastruktur, die einen Standort ausmachen – es sind die Menschen. Und hier liegt vielleicht die größte, oft übersehene Stärke von NRW: die pragmatische, bodenständige Mentalität. Kein Größenwahn, kein Schaulaufen, kein Hype. Stattdessen: Machen. Anpacken. Verbessern. Diese Haltung zieht sich durch alle Schichten – vom Handwerksbetrieb bis zum Konzern, vom Startup bis zur Traditionsschmiede.
„Wir jammern viel in NRW“, sagt ein mittelständischer Unternehmer aus dem Münsterland. „Aber am Ende kriegen wir es doch hin.“ Vielleicht ist genau das die Essenz der Marke NRW: nicht perfekt, aber verlässlich. Nicht glamourös, aber substanziell. Nicht laut, aber wirksam.
Wer heute über NRW spricht, sollte die Probleme nicht kleinreden. Die gibt es reichlich. Doch wer nur die Probleme sieht, übersieht das Wesentliche: Hier ist eine wirtschaftliche Kraft am Werk, die sich nicht von Schlagzeilen beeindrucken lässt. Eine Region, die aus Krisen gelernt hat und heute stärker dasteht, als viele ahnen. Eine Marke, die nicht aus Marketing lebt, sondern aus Substanz.
NRW ist kein Versprechen. NRW ist Realität. Und genau deshalb bleibt es Marke.
Maximilian Lange | redaktion@regiomanager.de ¶
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