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Wie KMU zu Energiewendern werden

Lange Zeit hatte NRW die Energiewende verschlafen. Doch nun soll es in schnellen Schritten aufholen. Für KMU ergeben sich daraus gute Geschäftsmöglichkeiten.



NRW ist Energieland. NRW ist gleichzeitig Industrieland. Und NRW will Energiewende-Land sein. Das bevölkerungsreichste Bundesland hat es naturgemäß schwerer als andere Bundesländer bei der Umsetzung dieses Mammutprojekts – und hinkt daher etwas hinterher. Das wird klar, wenn man sich allein den Stromverbrauch anschaut: 2016 stammten mehr als 32 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien – in NRW waren es ein Jahr zuvor gerade einmal 13 Prozent. Bis 2025 will das Bundesland diesen Anteil auf mindestens 30 Prozent anheben – es wäre also in acht Jahren ungefähr auf dem bundesweiten Niveau von heute. Besonders im Bereich Windenergie will man dafür einiges auf den Weg bringen in NRW. Derzeit macht die Stromerzeugung dort durch Windkraftwerke rund sechs Prozent der gesamten Stromerzeugung aus – bis 2020 soll dieser Anteil 15 Prozent betragen. Allein in Ostwestfalen wurden dafür im letzten Jahr 223 neue Windkraftanlagen installiert, ein Drittel aller Neuinstallationen in NRW. Erneuerbare Energien sind aber nur ein Faktor im komplexen Gebilde Energiewende: Auch in den Bereichen Energieeffizienz, Wärmegewinnung und Mobilität passiert eine ganze Menge im Land. In all diesen Bereichen liegen große Chancen für kleine und mittelständische Unternehmen, diese Entwicklung mit innovativen Geschäftsmodellen zu gestalten und die Energiewende für sich zu nutzen. „Gerade die vielen KMU bilden und ermöglichen überhaupt die Grundstruktur der Energiewende: die dezentrale Versorgung“, sagt Jan Dobertin, Geschäftsführer des Landesverbandes Erneuerbare Energien LEE NRW, einer Interessenvertretung aus Unternehmen, Verbänden und Privatpersonen mit Sitz in Düsseldorf. Damit die Energiewende gelingen kann, kommt es also darauf an, dass sie entsprechendes Know-how bekommen, Visionen umsetzen und sich miteinander vernetzen.

Vorreiter bei der Energiewende


„Es gibt bereits viele KMU aus sehr unterschiedlichen Bereichen, die hier mit gutem Beispiel vorangehen. Das Spektrum des Engagements reicht dabei von der eigenen regenerativen Strom- und Wärmeerzeugung über die Herstellung klimafreundlicher Produkte bis hin zu IT-basierten Dienstleistungen für die Energie-Infrastruktur“, erklärt Dobertin. Denn es gibt weitaus mehr Geschäftsmodelle als Solarmodule zu projektieren oder Windkraftanlagen zu bauen. Auch die Art und Weise, wie KMU regenerative Energie nutzen und Energieeffizienz betreiben, sind sehr vielfältig. Ein Vorreiter in puncto Mobilität ist z.B. die StreetScooter GmbH aus Aachen. Das Tochterunternehmen des Logistikdienstleisters Deutsche Post/DHL baut Klein-Lkw mit Elektroantrieb für den täglichen Zustellbetrieb. Gerade in den vollen Städten mit einem relativ geringen Radius lassen sich die Gefährte ideal einsetzen – quasi für die „letzten Meter“ eines Transportguts. Ein überzeugter Nutzer von Elektromobilität ist die Hildener Bäckerei Schüren – sie hat ihren kompletten Fuhrpark darauf umgestellt. Der Mittelständler verbindet diesen Ansatz noch mit einer besonders energieeffizienten Produktionsanlage und einer großen Photovoltaik-Anlage auf dem Firmendach: Der ohnehin geringe Strombedarf in der Backstube wird vollständig durch die selbst produzierte Solarenergie gedeckt, der überschüssige Strom für die Batterien der E-Mobile genutzt. Eine andere Bäckerei aus dem Ruhrgebiet wurde von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen als „Deutschlands modernste Backstube“ ausgezeichnet. Das Gebäude des Essener Familienunternehmens Bäckerei Peter besitzt durch modernste Technik und umweltschonende Baustoffe den Status eines Niedrigenergie-Hauses. Theoretisch könnte die Backstube komplett recycelt oder abgebaut und an einem anderen Ort wiederaufgebaut werden. Auch energieintensive mittelständische Betriebe, etwa aus der Metallverarbeitung, profitieren von den Vorteilen der regenerativen Energie: Sie können die eingesparten Kosten durch selbsterzeugten günstigeren Ökostrom anderweitig investieren – in die Altersvorsorge z.B.; gleichzeitig verdienen die Selbsterzeuger beim „Stromüberschuss“, den sie ins Netz einspeisen, und können sich gegen steigende Strompreise absichern. Im virtuellen Bereich entstehen interessante Geschäftsmodelle. „Die Digitalisierung ist Enabler der Energiewende. Denn sie macht es möglich, die vielen dezentralen Erzeugungsanlagen und Verbraucher auf intelligente Weise zu vernetzen“, erklärt Jan Dobertin. Wie etwa das Unternehmen Next Kraftwerke aus Köln. Es hat ein virtuelles Kraftwerk aufgebaut, das Tausende Mitglieder nutzen, die Strom produzieren oder verbrauchen. Sie bilden eine kritische Masse, die die Schwankungen der erneuerbaren Energien auffängt.

Die Energiewender von morgen finden und binden


Innovative Geschäftsmodelle und Unternehmen im Bereich Energiewende funktionieren aber nur dauerhaft, wenn auch die Fachkräfte von morgen mit ins Boot geholt werden. Und zwar frühestmöglich, schon in der Schule. „Seit dem Orkan Kyrill im Jahr 2008 und spätestens seit dem Reaktorunglück in Fukushima in 2011 hat das Thema Energiewende an Fahrt aufgenommen in den Schulen“, sagt Thomas Lemken. Er ist Geschäftsführer von Kurs 21, einem gemeinnützigen Verein, der im Bergischen Städtedreieck an der Schnittstelle Schule–Wirtschaft Bildungsangebote im Bereich Nachhaltigkeit entwickelt. „Noch ist das Thema allerdings uneinheitlich in den Lehrplänen und Lehrmaterialien verankert.“ Immens wichtig sei es daher, Schulen, Hochschulen und Unternehmen zu dem Thema an einen Tisch zu bringen und gemeinsam etwas zu tun. „Gerade KMU sollten im Hinblick darauf, Fachkräfte zu finden und zu binden, aktiv sein. Häufig haben sie aber nicht die Ressourcen dafür.“ In Netzwerken oder auch in sogenannten Verbundausbildungen können sie diese Defizite zum Teil kompensieren. Ein etabliertes Format, bei dem junge Menschen und Unternehmer unter anderem intensiv zum Thema Energiewende zusammenarbeiten, ist z.B. die sogenannte Lernpartnerschaft. „Auf Basis eines Kooperationsvertrages legen ein Unternehmen und eine Schule dabei langfristig fest, wie sie zum Thema zusammenarbeiten wollen. Die Ausgestaltung ist dabei ganz individuell und reicht von Projektwochen über Praktika bis hin zu Betriebsbesichtigungen. Immer aber sehr praxisorientiert und möglichst auf Augenhöhe“, erklärt Lemken. Aber auch andere Formate, die weniger zeitlich gebunden sind, tragen Früchte. So hat Kurs 21 Anfang des Jahres zum zweiten Mal das Bergische Energiewende:Camp durchgeführt. Vier Tage lang erkunden Schüler dabei regionale Stationen der Energiewende, kommen mit Unternehmern in Kontakt und informieren sich über Ausbildungsmöglichkeiten. Die Veranstaltung ist nur ein Beispiel dafür, was KMU mit relativ wenig Aufwand machen können, um die Energiewender von morgen zu begeistern.

Thomas Corrinth | redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 04/2017