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Der Objektschutz – eine klassische Aufgabe der Sicherheitsdienstleister

Wenn der Dieb ins Unternehmen schleicht

Produktions- und Lieferkettenunterbrechungen sind die bedrohlichsten Risiken: 4.000 Sicherheitsdienstleistungsunternehmen sind mit 190.000 Mitarbeitern in Deutschland aktiv.



Unternehmen aus aller Welt eint eine Sorge: Der Betrieb steht still. Im Wortsinn erlebt das die Deutsche Bahn, und zwar Tag für Tag. Der Diebstahl von nur wenigen Metern Kupferdraht führt zu Stillstand und Chaos der gesamten regionalen Versorgung. Doch auch viele andere Bereiche der deutschen Wirtschaft sind von krimineller Energie bedroht. Alle drei Minuten ist in Deutschland ein Einbrecher aktiv: Vorwiegend im privaten Bereich, Leidtragende sind aber insbesondere auch Gewerbe und Industrie. Längst kommt der Dieb nicht nur in der Nacht, er schleicht sich auch über digitale Wege ins Unternehmen.
150.000 Einbrüche registrierten die Behörden 2014 – so viel wie seit 16 Jahren nicht mehr. Auch die Zahl der Geschäftsdiebstähle liegt auf hohem Niveau: 2014 wurden stündlich im Durchschnitt mehr als 50 Diebstähle in und aus Verkaufsräumen, zwischen 15 und 16 Diebstähle in oder aus Büros, Fabriken und Lagern, fast acht Diebstähle in oder aus Hotels und Gaststätten registriert. Und das ist nur das „Hellfeld“, berücksichtigt also nicht die oft hohe „Dunkelziffer“ der weder angezeigten noch ermittelten Fälle.
Gestohlen wird alles, was zu Geld gemacht werden kann: Mit dem Einbrecher kommen Zerstörung und der Diebstahl wichtiger und kostspieliger Betriebsausstattung und Produktionstechnik. Betriebs- und Lieferkettenunterbrechungen sind die bedrohlichsten Risiken für Unternehmen. Sie rangieren deutlich vor Naturkatastrophen sowie Brände und Explosionen. Immer deutlicher werden aber auch andere Gefahren: Bei einer repräsentativen Befragung des Branchenverbands Bitkom gaben 74 Prozent der IT-Leiter an, dass sie Angriffe auf Computer und Datennetze ihrer Unternehmen durch Cyberkriminelle oder ausländische Geheimdienste als reale Gefahr ansehen.

190.000 Mitarbeiter in Deutschland


Gegen Angriffe aller Art wollen und müssen sich Unternehmen schützen: Die deutsche Sicherheitswirtschaft ist dafür mit national agierenden Spezialisten und vielen regionalen Anbietern gut aufgestellt. 250.000 Mitarbeiter sind in der Branche tätig und erwirtschafteten 2014 einen Umsatz von über zwölf Milliarden Euro. Davon entfiel der größte Anteil auf Sicherheitsdienstleistungen. Private Sicherheitsdienstleister beschäftigen bundesweit fast 190.000 Sicherheitsmitarbeiter und erzielten im Jahr 2014 einen Umsatz von 5,3 Milliarden Euro, sie repräsentieren somit über 45 Prozent des Umsatzvolumens der Sicherheitswirtschaft. Vor allem hochwertige Dienstleistungen wie Flughafensicherheit, Schutz von Kernkraftwerken, militärischen Liegenschaften, Gewerbe- und Industrieanlagen sowie Geld- und Wertdienste gehören zu den wichtigsten Aufgabenbestandteilen. Deutlich wachsen aber auch die Einsatzzahlen in konfliktgeneigten Aufgabengebieten, z.B. bei Veranstaltungen, im öffentlichen Personenverkehr, bei Geld- und Wertdiensten, im Eingangsbereich von Diskotheken und im Einzelhandel.
Insbesondere im Veranstaltungsdienst gibt es häufig kurzfristig auftretende Sicherheitserfordernisse. Diese Aufgaben können nur durch den Einsatz von Aushilfskräften wahrgenommen werden, rund 55.000 Mitarbeiter sind als sozialversicherungsfreie Aushilfskräfte tätig. Sie arbeiten auch in Pforten- und Empfangsdiensten, beim Objektschutz, den Revierdiensten, Kontrollen des öffentlichen Personenverkehrs, Schutzaufgaben auf Flughäfen, Bewachung von Kernkraftwerken bis hin zu Werkfeuerwehren und Citystreifen. Die Ausbildung, die Kundenanforderungen und auch die rechtlichen Voraussetzungen sind teilweise völlig unterschiedlich. Auch wenn das Sicherheitsgewerbe in Teilen vor allem im sogenannten Niedriglohnsektor tätig ist, gibt es auch eine ganze Reihe von Tätigkeiten mit deutlich höheren Löhnen. An der Spitze der Qualifikation und der Entlohnung stehen Objektsicherungsdienste bei Kernkraftwerken, Fluggastkontrollen, Werkfeuerwehrdienste und auch Geld- und Wertdienste.

Kundenbedürfnisse immer komplexer


Der „Wachmann“ ist immer seltener zu finden, moderne Technik unterstützt in vielen Bereichen mit elektronischer und mechanischer Sicherheitstechnik. Zu den Aufgabenfeldern von Sicherheitsdienstleistern gehört mehr und mehr die Kombination von Sicherheitsanalyse, Beratung und anschließender Umsetzung in eine Sicherheits- oder Wertdienstleistung. Die Kundenbedürfnisse werden immer komplexer und differenzierter. Dies setzt Kompetenzen in vielen unterschiedlichen Bereichen voraus. Immer mehr Anbieter, aber auch Auftraggeber setzen auf das Zusammenspiel von Personal und Technik, immer mehr Mitarbeiter der Sicherheitsdienstleistungsunternehmen sind in diesem Segment tätig.
Nahezu ohne Technik ging es am 15. Juli 1901 los: In Hannover wurde das erste Wach- und Sicherheitsunternehmen in Deutschland gegründet. Seitdem schützen sich Wirtschaft, Bürger und Staat im Rahmen eigener Vorsorge gegen unterschiedlichste Risiken und setzen dazu auch private Sicherheitsdienste ein. Im Herbst 1966 wurden in Mannheim erstmals Geldtransporte für Banken und Sparkassen in Deutschland mit professionellen Geldtransporten durchgeführt.
„Die Sicherheitsbedürfnisse von privaten und öffentlichen Auftraggebern steigen“, ist Jens Müller vom Branchenprimus Securitas überzeugt. Gefragt seien ganzheitliche Lösungen mit einer effizienten Kombination von Mensch und Technik. Dies erfordere Investitionen in Know-how, in technische Anlagen sowie in die Aus- und Fortbildung. Ausschreibungen, bei denen allein der Preis das entscheidende Kriterium sei, vernachlässigen nach Ansicht der Securitas-Geschäftsführung wichtige Erfolgsfaktoren, die an Sicherheitsdienste gestellt werden sollten. „Unternehmen mit sensibler Produktion und hohem Innovationsansatz sollten aber auch bedenken, dass der Feind oft im eigenen Haus sitzt, erklären die Sicherheitsexperten: Der durchschnittliche Wirtschaftskriminelle ist männlich, Mitte 40, deutsch, verheiratet, gebildet und Führungskraft in einem Unternehmen. „Zu Spionen können vor allem Unzufriedene werden“, ist Price-
waterhouse Coopers (PWC) überzeugt. „Daher sind zufriedene Mitarbeiter der beste Schutz vor Wirtschaftsspionage“, wird der passende Ratschlag gleich mitgeliefert.

Wachmann goes online


Wirtschaftsspionage ist aber nicht nur ein Problem in den Unternehmen, sondern seit den Enthüllungen über die Praktiken der NSA und des britischen Geheimdienstes wieder ein zentrales Thema für Politik und Wirtschaft und mittlerweile auch Sicherheitsdienstleistern. Dabei scheinen die Methoden immer gleich: Sicherheitslücken nutzen, Programmierfehler suchen, Backdoors in Produkte einbauen und Sabotage-Programme entwickeln. Gelingt der Zugriff nicht über die technische Kommunikation, werden Angreifer versuchen, zugriffsberechtigte Personen zu überlisten. Gegebenenfalls wird der Zugang auch über Bestechung oder Erpressung versucht.
Subtiler verlaufen Angriffe über das Internet: Nach Bitkom-Informationen wurden hochgerechnet 38 Prozent der 55 Millionen Internetnutzer in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten teils mehrfach Opfer von Computer- und Internetkriminalität. Nach Erkenntnissen des Bundesamts für Sicherheit nehmen Angreifer verstärkt die Wirtschaft ins Visier, wobei gerade auch mittelständische Unternehmen in besonderem Maße von Wirtschaftsspionage, Konkurrenzausspähung, aber auch Erpressung betroffen sind. Grundlage für ein dauerhaft zuverlässiges Daten- und IT-Sicherheitskonzept ist das Information Security Management System (ISMS) nach ISO 27001, welches von Sicherheitsdienstleistern implementiert wird.
„In meinem Unternehmen passiert das nicht.“ Diesen Satz bekommen Wirtschaftsermittler immer wieder zu hören. Oft blockieren mangelndes Problembewusstsein sowie die Unkenntnis über Lösungsansätze jegliche Vorkehrungsmaßnahmen. Wer als Geschäftsführer bzw. in verantwortlicher Position einen konkreten Verdacht hat, sollte den Mut haben, den Rat eines Experten hinzuziehen, der findet sich auch bei den Sicherheitsdienstleistern. Rund 4.000 Unternehmen bieten in Deutschland Sicherheitsleistungen an. Die Auswahl von Qualitätsdienstleistern ist ohne klare Kriterien schwer. Hilfreiche Indikatoren sind u.a. die Qualifikation des Personals, eine lange Präsenz am Markt sowie unabhängige, durch Prüfstellen zertifizierte Prozesse und Einrich-
tungen. Reinhold Häken | redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 07/2015