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Stammsitz von Rosenthal & Rustemeier: Das Autohaus in Soest

Schieflage trotz Geschichte

Nachgehakt: Insolvenzanmeldung in Südwestfalen: Autohäuser setzen ebenso auf Eigenverwaltung wie großer Sozialträger.



Eine 95-jährige Unternehmensgeschichte schützt nicht vor wirtschaftlicher Schieflage: „Wir verfolgen das Ziel, das Traditionsunternehmen fortzuführen und nachhaltig zu sanieren“, erklären die Geschäftsführer Bernhard Rosenthal und Joachim Zensen, die Ende Januar beim Amtsgericht Arnsberg einen Antrag zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung für die Autohäuser Rosenthal und Rustemeier sowie Bauer und Bickmeier gestellt haben. Das mittelständische Familienunternehmen mit sechs Standorten in Soest, Warstein, Sundern, Meschede, Arnsberg und Paderborn vertritt die Marken Opel, Chrysler, Fiat, Fiat Professional und Renault, wird in dritter Generation geführt und beschäftigt 106 Mitarbeiter. Das Amtsgericht Arnsberg hat als vorläufigen Sachwalter Dr. Jan Janßen, Partner der Wirtschaftskanzlei Görg Partnerschaft von Rechtsanwälten, bestellt. „Ich glaube, dass mit motivierten Mitarbeitern und der Bereitschaft aller Beteiligten eine zeitnahe Umsetzung der geplanten Sanierung gelingen kann“, so Janßen nach einer Mitarbeiterversammlung. Unterstützt wird das Autohaus im Sanierungsprozess auch von den Kanzleien Rödl & Partner (Nürnberg und Köln) und der Beratungsagentur B-K-P aus Kronberg.

„Automobiler Wandel“

Das Plan-Verfahren biete die Möglichkeit, notwendige strukturelle Anpassungen zur nachhaltigen Stärkung und einer Neuausrichtung des Unternehmens durchzuführen, so die Autohaus-Chefs. Im Mittelpunkt stehe die „begonnene Restrukturierung und die Neu-Positionierung notwendiger Standorte“. Die Autohäuser seien in den vergangenen Jahren auf die Zukunft im automobilen Wandel vorbereitet worden, daher für ein erfolgreiches Plan-Verfahren gerüstet und gut aufgestellt. Der operative Geschäftsbetrieb sei vom Eigenverwaltungsverfahren nicht berührt. Alle Dienstleistungen würden ohne Einschränkungen fortgesetzt. „Die Adam Opel AG und Fiat Chrysler Automobiles AG stehen als wesentliche Handelspartner voll hinter den Unternehmen und setzen auch für die Zukunft auf eine Fortsetzung der langjährigen Partnerschaften“, heißt es.

Größter Arbeitgeber


„Gute Sanierungsmöglichkeiten“ sehen auch Vorstand und Geschäftsführung des Gemeinnützigen Vereins für Sozialeinrichtungen Herdecke und seiner Tochtergesellschaft, der GVS Seniorendienste, die ebenfalls den Gang zum Insolvenzgericht antreten mussten. Die GVS ist mit 400 Beschäftigten Herdeckes größter Arbeitgeber und bietet Dienstleistungen für ältere Menschen, Familien, Jugendliche und Kinder an. Der GVS betreibt sechs Kindertagesstätten sowie eine Erziehungs- und Beratungshilfe für Jugendliche und Familien. Die 100-prozentige Tochter des Vereins, die GVS Seniorendienste gGmbH, betreibt drei Pflegeheime, bietet Kurzzeit- und Tagespflege sowie mobile Pflege an. Zudem stellt die gGmbH älteren Menschen in weiteren Häusern betreutes Wohnen und Altenwohnungen zur Verfügung. „Alle Einrichtungen bleiben geöffnet, alle Angebote, Dienst- und Beratungsleistungen werden aufrechterhalten“, informiert Dr. Jörg Bornheimer, Seniorpartner von Görg, der vom Amtsgericht Hagen zum vorläufigen Sachwalter bestellt wurde. Die Geschäftsleitung wird von dem auf Restrukturierungen in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft spezialisierten Sanierungsexperten Rechtsanwalt Norman Lenger von Rödl & Partner unterstützt.

„Schutzschirm alternativlos“


„Der Weg über das Schutzschirmverfahren ist richtig und in dieser Situation letztlich alternativlos. Nur durch eine nachhaltige Restrukturierung werden wir GVS neu aufstellen und in eine gute Zukunft führen können“, sagt Norman Lenger. Das Schutzschirmverfahren biete dem Verein und der gGmbH optimale Möglichkeiten, sich aus der wirtschaftlichen Schieflage zu befreien und gleichzeitig seiner hohen Verantwortung als Dienstleister am Menschen nachzukommen. Vor gut einem Jahr war bekannt geworden, dass GVS in zwei Jahren rund zwei Millionen Euro Verlust gemacht hatte. Externe Berater wurden einbezogen, mit Martin Kelter im Herbst ein neuer Geschäftsführer berufen. Zum Jahresende verschärfte der überraschend geplatzte Verkauf einer Seniorenheim-Immobilie die finanzielle Situation.

Reinhold Häken | redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 03/2017