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Harvester im Einsatz. (Foto: MHD-Forsttechnik Müller-Habbel)

Intelligente Technik im Wald

Ein Drittel der deutschen Landfläche ist mit Wald bedeckt – dies sind die größten Holzvorräte in ganz Europa. Deutsche Unternehmen besetzen erfolgreich Nischen in der ansonsten sehr international aufgestellten Branche der Forsttechnik.



Die einen wollen sich im Wald erholen, für die anderen ist der Wald Arbeitsplatz. Für Naturschützer ist er Biotop, für Waldbesitzer vor allem Produktionsstätte. Der Wald ist Wirtschaftsfaktor, Abenteuerspielplatz und Naturlandschaft zugleich. Ein Drittel der deutschen Landfläche ist mit Wald bedeckt. Das sind elf Millionen Hektar hochwertige Natur mit stetig zunehmenden Holzvorräten – den größten in ganz Europa. Über 90 Milliarden Bäume wachsen in Deutschlands Wäldern, jedem Einwohner stehen im Durchschnitt 1.200 Quadratmeter Wald zur Verfügung. In Deutschland ist die Waldwirtschaft mit elf Millionen Hektar oder 31 Prozent der Landfläche neben der Landwirtschaft die flächenmäßig bedeutendste Landnutzungsform. Davon werden neun Millionen Hektar durch etwa 28.000 Forstbetriebe bewirtschaftet, die mehr als 90 Prozent ihres Umsatzes durch den Verkauf des erzeugten Holzes generieren. Das sind etwa drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, mit über einer Million Beschäftigten verzeichnet die Branche einen Jahresumsatz von mehr als 100 Milliarden Euro. Damit zählt die Forst- und Holzwirtschaft zu den Leitbranchen Deutschlands, hat nach EU-Definition mehr Beschäftigte als die Automobilindustrie und erwirtschaftet einen höheren Umsatz als die Elektroindustrie oder der Maschinen- und Anlagenbau. Der Holzeinschlag lag im Wirtschaftsjahr 2014 bei 54,36 Millionen Kubikmetern. Gegenüber dem Vorjahr ein leichter Anstieg von rund 2,2 Prozent. Gegenüber dem Zehn-Jahres-Durchschnitt (57 Millionen Kubikmeter) entspricht das Einschlagergebnis einem Rückgang von 4,6 Prozent bzw. 2,6 Millionen Kubikmeter. Fichte hat einen Anteil von nahezu 50 Prozent am Gesamteinschlag. Wälder werden schon seit 300 Jahren nachhaltig bewirtschaftet, Teil der Forst- und Holzwirtschaft ist die Forsttechnik, die das unterschiedlichste forsttechnische Gerät entwickelt, baut und vertreibt.

Internationale Branche


Das Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik e.V. (KWF) ist eine der wenigen Organisationen mit Verbandsstruktur im Bereich Forsttechnik. Der gemeinnützige Verein mit 2.500 Mitgliedern fungiert als Kompetenzzentrum für Waldarbeit, Forsttechnik und Holzlogistik in Deutschland und Europa. Das KWF nimmt überregionale technisch-wissenschaftliche Aufgaben für die deutsche Forstwirtschaft wahr und wird von Professor Dr. Ute Seeling geleitet. „Forsttechnik ist in Deutschland im Grunde Teil der Landtechnik“, verdeutlicht Thomas Wehner. Der Leiter des Fachressorts „Information & Marketing" des Kuratoriums verweist auf die globalen Strukturen der Forstbranche  mit Schwerpunkt Skandinavien. „International wird der Markt von nur vier bis fünf Unternehmen dominiert. Unter den „Top Ten“ findet sich nur ein deutsches Unternehmen. Das steht für 100 Einheiten bei den Großgeräten. „John-Deere verkauft allein 1.000 Einheiten im Jahr“, listet Wehner auch Komatsu und Ponsse zu den „Global Playern“. Gemessen an den „großen Forstnationen“ Russland, Brasilien, Kanada, USA und China, wo sich mehr als 50 Prozent des globalen Waldvorkommens konzentrieren, sind die Strukturen in Deutschland ganz anders, hier gibt es allein 481.000 Waldeigentümer und damit einhergehend kleinparzellige Strukturen. In Mitteleuropa sei die Forsttechnik kleiner Teil der Landtechnik und mache einen Anteil von etwa 15 Prozent aus. Für den Bereich Herstellung von land- und forstwirtschaftlichen Maschinen weist die Umsatzsteuerstatistik der Finanzbehörden 424 Unternehmen in Deutschland aus, die einen Umsatz von 13 Milliarden Euro erwirtschaften. „Wie bei den Herstellern und Kleinmaschinen wie Winden oder Motorsägen erfolgt die Zuordnung nach dem Schwerpunktprinzip. Die Listung lässt keinen adäquaten Rückschluss auf die Hersteller von spezieller Forsttechnik zu“, urteilt das Kuratorium für Forsttechnik: „Viele deutsche Anbieter sind Zwitter, fertigen Landtechnik, einwickeln aber auch Forstspezialschlepper, Rückezüge, Vollernter und Kombimaschinen. Das gilt auch für den Handel, auch dort liegt der Schwerpunkt bei der Landwirtschaft. Die meisten Unternehmen bieten Forsttechnik mit an“. Deutlich werde in Deutschland aber, dass viele Anbieter erfolgreich Nischen besetzen und sich darauf spezialisiert haben, Maschinen zu entwickeln, die die Forstwirtschaft ökologisch unterstützen und boden- und bestandsschonend eingesetzt werden können.

Großmaschinen boomen


Waldwerkzeuge wie Holzhäcksler, Holzspalter, Motorsägen, Seilwinden, Bandsägen sowie Großgeräte wie Holzernte- und Rückemaschinen sind das Arbeitsgerät der Forstleute. Die jährlich vom Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik (KWF) erhobene Forstmaschinenstatistik zeigt für das Jahr 2014 wieder Zuwächse bei den Forstmaschinenverkäufen. In Deutschland wurden – mit einem Plus von knapp 15 Prozent – wieder deutlich mehr neue Großmaschinen für den professionellen forstlichen Einsatz verkauft. Laut KWF-Maschinenstatistik wurden 2014 in Deutschland insgesamt 327 Rückemaschinen und 107 Harvester für den professionellen Forsteinsatz verkauft. Für den deutlichen Anstieg der Verkaufszahlen war vor allem der höhere Absatz von Harvestern ausschlaggebend. Es wurden 40 Prozent mehr Maschinen verkauft als im Vorjahr. Aber auch der Verkauf von Forwardern (Tragschlepper) stieg um 20 Prozent – auf 153 Maschinen. Bei den Kombischleppern (Lang- und Kurzholz) war ein 15-prozentiger Anstieg zu verzeichnen. Der Absatz von Langholz-Schleppern liegt dagegen – mit 128 verkauften Einheiten – um acht Prozent unter dem Vorjahresniveau. Für Thomas Wehner, Leiter des KWF-Fachressorts „Information & Marketing“, sind die Gründe für den Anstieg der Verkaufszahlen vielschichtig: „Die Investitionsentscheidungen sind durch die neue Abgasnorm und die damit zusammenhängenden erheblichen Mehrkosten verzögert gefallen. Auch aufgrund der weiterhin ungünstigen Erlöslage wurden einige Maschinen länger eingesetzt.“

Sorgen für die nächsten Jahre


„Trotz anhaltend reger Nachfrage am Holzmarkt und hoher Holzpreise blickt die Forstmaschinenindustrie mit Sorgen auf die nächsten Jahre. Der Verdrängungswettbewerb unter den Forstunternehmern und der Abbau von Überkapazitäten aus den „Windwurf-Boomjahren“ halten an und belasten den Neumaschinenabsatz im Bereich professioneller Holzernte- und Rücketechnik“, sind Dr. Reiner Hofmann und Erik Ochmann vom Fachgebiet Forstwirtschaft im DLG-Fachzentrum Landwirtschaft überzeugt. Auch bei der Brennholztechnik sei nach zwei milden Wintern und vor dem Hintergrund eines extrem niedrigen Ölpreises ein deutlicher Nachfragerückgang zu verzeichnen, analysierten sie zur Fachmesse Agritechnica. Erschwerend komme hinzu, dass hohe Bestände dieser größtenteils sehr robusten, einfachen Technik den Neumaschinenbedarf zusätzlich begrenzen. „Somit bewegt sich die Investitionsbereitschaft insgesamt auf solidem Ersatzbeschaffungsniveau in einem weitgehend gesättigten Markt“, heißt das Fazit. Der Entwicklungsfreude der Hersteller täten diese durchwachsenen Aussichten allerdings keinen Abbruch. Deutlich werde aber, dass auch die Forsttechnik deutlich auf Ressourcenschonung, Energieeffizienz, Ergonomie und zusätzliche Wertschöpfungsmöglichkeiten setzte. Weltweit betrachtet zielen bei den Großmaschinen alle Hersteller auf Entwicklungen zur Steigerung der Leistung. Größere Maschinen und die Entlastung des Fahrers durch zunehmende Automation anspruchsvoller, zeitkritischer Bedienprozesse stehen dabei im Mittelpunkt. Im mitteleuropäischen Raum ist dieser Trend nicht ganz so deutlich. „Großtechnik wird hier generell kritischer hinterfragt, und insbesondere in Deutschland sind noch größere Maschinen im Wald nicht gewünscht“, heißt es bei der DLG. Großtechnik spiele eine untergeordnete Bedeutung, Spezial- und Nischenlösungen für Holzernte- und Rückemaschinen mit Traktionswinden für den bodenschonenden Einsatz am Hang seien hier gefragt.

Computer und Komfort für Personal


„Deutlich wird auch der steigende Einsatz innovativer Technik“, hieß es zur Ligna, der Weltleitmesse für Maschinen, Anlagen und Werkzeuge zur Holzbe- und verarbeitung: den Fachkräftemangel versuchen die Hersteller mit Komfort für das Bedienpersonal auszugleichen. Während Motorsägen früher bis fast viermal so laut waren, arbeitet man heute mit weitaus geräuschärmeren Geräten. Auch gut funktionierende Ansaug- und Auspuffgeräuschdämpfer tragen maßgeblich zum Arbeitskomfort bei. Im Bereich der Forstmaschinen punkten Harvester mit hydraulischen Kabinenfederungen oder neuartigen Krankonzepten, die eine Rundumsicht ermöglichen. „In Zukunft müssen sich Hersteller noch intensiver mit der Anpassung der Technik an den Menschen beschäftigen, um die Forstindustrie als attraktives Arbeitsfeld zu positionieren“, heißt die Einschätzung. Reinhold Häken redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 10/2015