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Es braucht eine neue Führungskultur

Deutsche Chefs schneiden als Führungskraft oft schlecht ab, das zeigen die jährlichen Befragungen des Meinungsforschungsinstituts Gallup. Nicht nur die junge Generation Y der 20- bis 30-Jährigen lehnt klassische Führungshierarchien und -methoden ab. Digitalisierung, Globalisierung, verändertes Kommunikationsverhalten und der Trend zur Individualisierung erfordern eine neue Führungsphilosophie. Mitarbeiter sollen und wollen mitdenken, mithandeln und gestalten. Sie erwarten ein regelmäßiges Feedback und wollen auf dem Laufenden gehalten werden. Für Unternehmen bedeutet das: Sie müssen auch in ihre Führungskräfte investieren und ihnen Zeit und Raum zur Mitarbeiterführung geben. Hier ein paar Tipps, wie das funktionieren kann:



1 MITARBEITER RICHTIG EINSETZEN

Das Gehalt als „Schmerzensgeld“ hat noch nie besonders motiviert. Bei den Nachwuchskräften zieht das noch weniger. Sie haben andere Ansprüche an ihren Job: Sie wollen möglichst sinnstiftende Arbeit, viel Gestaltungsraum und am liebsten im Team mit interessanten Kollegen aus allen Teilen der Welt arbeiten. Der letzte Punkt ist in kleinen oder mittelständischen Unternehmen selten zu realisieren, aber Teamstrukturen und selbstständige Projektarbeit funktionieren auch dort. Tipp: „Führen heißt, die Mitarbeiter zu befähigen und sie mit den richtigen Projekten, Themen und Teams zusammenzubringen. Dann sind sie motiviert und können ihre beste Leistung abrufen.“ Das rät Fabian Kienbaum, Geschäftsführer von Kienbaum Consultants International, im Interview für das Handelsblatt-Portal Karriere.de.  

2 COACH UND MENTOR

Das Führungsmotto „Befehl und Gehorsam“ hat ausgedient. Die Zeiten sind vorbei, dass ein Chef von oben diktieren kann und die Mitarbeiter springen. Auch der reine Zahlenfetischismus, der sich nur an der messbaren Produktivität ausrichtet, ist umstritten. Im modernen Management ist ein partizipativer Ansatz angesagt. Mehr noch, in erfolgreichen Unternehmen sind Chefs am Werk, die die Rolle als Coach und Mentor übernehmen. Chefs, die die Fähigkeiten und Interessen ihrer Mitarbeiter gut kennen, können besonders produktive Teams zusammenstellen. Und das ist eine gute Voraussetzung für neue, innovative Ideen.. Tipp: Der Kasernenhofstil ist passé – aber Entscheidungsstärke ist dennoch nötig. Chefs müssen auch in Zukunft verbindliche Entscheidungen treffen. Ein partizipativer Führungsstil heißt nicht, dass alles gemeinsam und im Konsens entschieden wird.

3 MEETING UND FEEDBACK

Mitarbeiter schätzen es, wenn Sie auf dem Laufenden gehalten und auch in die Unternehmensstrategie eingeweiht werden. Schließlich will man wissen, woran man ist. Chefs tun gut daran, regelmäßige Meetings mit ihren Mitarbeitern abzuhalten. Ob es ein wöchentlicher Jour fixe ist oder nur einmal im Monat, hängt vom Betriebsablauf ab. Das turnusmäßige Treffen dient dem beiderseitigen Informationsaustausch, schließlich möchte auch eine Führungskraft wissen, wie der Arbeitsfortschritt im Team ist. Die regelmäßigen Meetings tragen dazu bei, dass ein Chef mit seinen Mitarbeitern auf Augenhöhe kommuniziert. Führungskräfte, die nur mit ihren direkten Untergebenen reden, sind ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Tipp: Besonders Nachwuchskräfte erwarten auch ein regelmäßiges Feedback von ihrem Chef. Sie wollen ernst genommen werden und sich kontinuierlich weiterentwickeln. Das jährliche Mitarbeitergespräch reicht ihnen nicht.

4 SINNVOLLES JAHRESGESPRÄCH

Manche Chefs empfinden es als lästiges Übel, wenn sie wenigstens einmal im Jahr die Leistung der Kollegen bewerten müssen. Dabei bietet das Gespräch eine gute Möglichkeit zur Reflexion (aktuelle Aufgaben, Erfolge, Zielerreichung, eventuelle Kritikpunkte, Arbeitszufriedenheit) und zur weiteren Planung (neue Aufgaben, Ziele, persönliche und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten). Tipp: Im Jahresgespräch fällt nicht nur Lob an. Damit Ihr Gegenüber bei Kritik nicht sofort abblockt, sollten Sie Ihre persönlichen Wahrnehmungen mitteilen und in etwa so formulieren: „Auf mich macht das den Eindruck“ oder „Ich empfinde das so und so“.   

5 ZIELE VORGEBEN 

Nicht nur im Jahresgespräch ist es sinnvoll, Mitarbeitern Ziele zu setzen. Mitarbeiter brauchen Orientierung und Ankerpunkte. Die sogenannte SMART-Methode hilft dabei: Sie besagt, dass Ziele so realistisch wie möglich beschrieben sein sollten. Das geht, wenn man sich an messbaren Fakten orientiert, sich attraktive Ziele setzt und sich nur Dinge vornimmt, die auch realistisch und termingerecht zu erledigen sind. Tipp: Wertschätzung und Selbstbestimmung sind wichtige Faktoren, die die Mitarbeiterzufriedenheit fördern. Achten Sie darauf, dass diese Wertschätzung auch bei Führung über messbare Ziele bestehen bleibt. 

6 FLACHE HIERARCHIEN

Selbst der Großkonzern Daimler hat sich 2017 zum Ziel gesetzt, mehr Verantwortung auf der Fachebene zuzulassen. Künftig sollen Entscheidungen nicht mehr über alle sechs Hierarchiestufen getrieben werden, nach zwei Ebenen soll Schluss sein. Flache Hierarchien, viel Gestaltungsfreiheit und ein Umgang auf Augenhöhe sind der neue Maßstab vom Start-up über familiengeführte Mittelständler bis hin zum Konzern.  Tipp: Interne soziale Netze eignen sich gut, um kreative Ideen zu finden und den Austausch zu fördern. Lassen Sie direkte Zusammenarbeit und Kommunikation neben den Hierarchien in Ihrem Unternehmen zu.  

7 FLEXIBLE ARBEITSZEIT

Präsenzkultur mit starrer Anwesenheit im Büro und Betrieb kommt bei der jungen Generation nicht gut an. Flexible, stärker auf das Ergebnis orientierte Arbeitsmodelle liegen im Trend. In der Kreativbranche ist das schon weit verbreitet, denn Chefs wissen: Gute Ideen kommen nicht auf Knopfdruck, sondern manchmal auch beim Joggen oder beim Arbeiten auf der Terrasse. Auch in anderen Branchen lässt sich das mobile Arbeiten realisieren – Betriebsvereinbarungen regeln Präsenzpflichten, z. B. bei Meetings oder Kundenbesuchen. Selbst im Handwerk und in der Produktion können starre Arbeitszeiten aufgehoben werden, indem die Gesamtbetriebszeit verlängert wird und Schichtmodelle und Springerstellen eingeführt werden.  Tipp: Auszeiten sind nicht nur Fehlzeiten. In einigen Großunternehmen werden Eltern- oder Pflegezeit, aber auch Sabbaticals als Zusatzqualifikation und förderlich für die Karriere gewertet. 

8 FÜHREN WILL GELERNT SEIN

Eine Befragung des Verbandes „Die Führungskräfte“ hat ergeben: In Deutschland wird nur jede fünfte Führungskraft auf ihre Aufgaben in puncto Mitarbeiterführung vorbereitet. Dabei ist es kein Geheimnis, dass viele Experten zwar fachlich gut, aber nicht automatisch als Führungskraft geboren sind. Manager und Betriebsführer sollten nicht nur „learning by doing“ führen, sondern professionelles Coaching und Weiterbildungen in Anspruch nehmen. Unternehmen müssen auch in ihre Führungskräfte investieren. Und Chefs sollten sich trauen, auch Fortbildungen wahrzunehmen.  Tipp: Was soll ich als Chef denn noch alles leisten, werden Sie sich vielleicht fragen. Und vor allem: Wann soll ich Zeit finden, um in Ruhe meine Mitarbeiter zu coachen und Gespräche zu führen? In der Tat muss genügend Zeit für die Mitarbeiterführung zur Verfügung stehen. Planen Sie den Jour fixe als festen Termin ein. Nehmen Sie sich Zeit für Fortbildungen. Messen Sie der Mitarbeiterführung eine wichtige Bedeutung bei.   

9 FIRMENKULTUR PRÄGEN

Chefs haben Vorbildcharakter. Sie geben den Ton an und die Richtung vor. Aber haben sie immer recht? Im Tagesgeschäft bleibt oft nicht die Zeit zur Reflexion. Dabei ist es sehr sinnvoll, mal zu hinterfragen, ob die Führungskultur noch zeitgemäß ist. Ob Führungsmodelle modifiziert werden müssten. Und ob die richtigen Führungskräfte ausgewählt wurden. Unternehmensberater Fabian Kienbaum rät: „Das oberste Management muss mit gutem Beispiel vorangehen: Die Vorstände und Geschäftsführer müssen ansprechbar, entscheidungsstark und offen für Neues sein. Und sie müssen von ihren Führungskräften klar und deutlich einfordern, was Führen heutzutage ausmacht.“  Tipp: Setzen Sie als Chef die richtigen Anreize. Geben Sie nicht nur ein Umsatzziel vor, sondern lassen Sie die Mitarbeiter mitdiskutieren und eigene Ideen einbringen. Auch ein Feedback von Mitarbeitern an die Führungskräfte setzt positive Entwicklungen in Gang.    

10  VON START-UPS LERNEN

Nachwuchskräfte wollen am liebsten bei Google oder anderen Start-ups arbeiten. Warum? Weil sie dort gute Arbeitsbedingungen und flache Hierarchien vorfinden. Außerdem agieren die Führungskräfte auf Augenhöhe mit ihren Teams und bringen den Mitarbeitern eine hohe Wertschätzung entgegen. Auch andere ehemalige Start-ups haben den Teamgedanken verinnerlicht und haben erfolgreich demokratische Strukturen eingeführt. Beim Schweizer Talentmanagement-Spezialisten Haufe Umantis werden die Führungskräfte bis hin zum Chef von den Mitarbeitern demokratisch gewählt. Und einzelne Arbeitsteams dürfen in Eigenregie Mitarbeiter rekrutieren, über nächste Karriereschritte entscheiden und sogar Kündigungen vorschlagen. Tipp: Demokratische Strukturen haben sich auch in deutschen Unternehmen bewährt. Bei der Drogeriemarkt-Kette dm entscheiden die Verkaufsteams der einzelnen Märkte über das Sortiment, die Arbeitsteilung und Gehälter.

Claudia Schneider | redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 03/2017