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Schaltzentrale der Stadtwerke Leipzig Foto: VKU/regentaucher.com

Erfolgsfaktor der Energiewende

Stadtwerke sichern lokale Versorgung – mehr als 120 neue Unternehmen wurden gegründet und mehr als 200 Konzessionen durch kommunale Unternehmen übernommen.



Traditionell liefern sie Wasser, Strom und Gas, manchmal darüber hinaus Wärme und immer öfter auch eine leistungsfähige Breitbandinfrastruktur. Stadtwerke kümmern sich um einen verlässlichen Personennahverkehr, eine moderne Recyclingwirtschaft und die Entsorgung von Abwässern. Straßenbeleuchtung, Elektromobilität, Bäderbetrieb und Parkanlagen sind weitere Tätigkeitsbereiche; standortbedingt kann ihnen sogar für Logistikdienstleistungen in Flughäfen und Häfen oder für spezifische Handlungsfelder im Auftrag der Kommunen in den Bereichen Wohnungsversorgung und Projektentwicklung
Verantwortung zukommen.

Stadtwerke sind kommunale Unternehmen, sie sichern elementare Leistungen der Daseinsvorsorge, erzeugen 70 Milliarden Kilowattstunden Strom im Jahr, bewirtschaften 770.000 Kilometer Stromnetze und liefern täglich 121 Liter Trinkwasser pro Bürger. Tag für Tag entsorgen sie 31.500 Tonnen Abfall. Erwirtschaftete Gewinne fließen ohne Umwege in die Region. Insgesamt über 9,4 Milliarden Euro investierten Stadtwerke 2014 in regionale Infrastrukturen. Ferner stellen sie Arbeitsplätze für insgesamt 720.000 Menschen bereit. Dabei sind die Strukturen höchst unterschiedlich: Die größten Stadtwerke erwirtschaften Milliardenumsätze und beschäftigen bis zu 10.000 Mitarbeiter; die kleinsten bestehen nur aus einer Geschäftsführung, kaufen Dienstleistungen zu und fahren dennoch Gewinne für die
Kommune ein.

Sie stehen aber auch vor Herausforderungen und müssen sich derzeit neu erfinden. Sie müssen sich neuen Wettbewerbsanforderungen, der Digitalisierung und auch dem Umbau des Versorgungssystems auf regenerative Energiequellen stellen. Eine planvolle Strategieentwicklung ist vor dem Hintergrund liberalisierter Energiemärkte und der Energiewende zu einem zentralen Erfolgsfaktor geworden.

Zugang zum Handel

„Trianel“ geht als führende Kooperation von Stadtwerken in Europa neue Wege und ist ein gutes Beispiel für Veränderung und Herausforderung: Mehr als 50 kommunale Gesellschafter haben sich der Trianel-Idee angeschlossen. Über Tochter- und Beteiligungsgesellschaften sowie Partnerschaftsverträge sind mehr als 100 Stadtwerke mit dem Aachener Unternehmen verbunden. Zusammen versorgen die Gesellschafter über sechs Millionen Menschen in Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz. „Wir bündeln Interessen und entwickeln so eine Stärke, die ein einzelnes Stadtwerk in der Energiewirtschaft nicht erreichen kann“, erläutert die Kooperation. Trianel beschafft an den Großhandelsmärkten Energie für Weiterverteiler und Stadtwerke, um die Belieferung ihrer Endkunden mit Energie sicherzustellen. Über den Trading Floor haben Gesellschafter und Kunden Zugang zum internationalen Handelsgeschäft, als einer der führenden Direktvermarkter trägt Trianel zur Marktintegration der „Erneuerbaren“ bei.

Rekommunalisierung

Erneuerbare Energien sind ein wichtiges Stichwort für die Herausforderung der Branche, sie decken heute bereits mehr als 30 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Deutschland. Nach den Plänen der Bundesregierung werden die EE-Anlagen im Jahr 2035 bis zu 60 Prozent der Stromerzeugung übernehmen. Mit den Erneuerbaren und der Energiewende kam aber auch das Aus für Atomstrom und viele Großkraftwerke, schlingerten Energieerzeuger und damit auch Stadtwerke. Dem gegenüber steht ein zweites Schlagwort: die „Rekommunalisierung“. Derzeit wird sie landauf, landab diskutiert. Immer, wenn Wasser-, Strom- und Gasnetz-Konzessionsverträge auslaufen, was in der Regel nur alle 25 Jahre in einer Kommune der Fall ist, werden Überlegungen in den Städten und Gemeinden laut, über den Wechsel von regionalen Verteilnetzbetreibern zu Gesellschaften mit kommunalen Beteiligungen nachzudenken. Die Gründe sind vielfältig und reichen von „Wir wollen über unseren Energiemix selbst entscheiden!“ über „Wir wollen unsere eigenen Ideen für Erzeugung und Lieferung von Wärme und Strom in der Region realisieren!“ bis hin zu „Wir wollen unsere lokale Verantwortung für Investitionen und Versorgungssicherheit wahrnehmen!“: Viele Kommunen gründen eigene Stadtwerke oder kaufen Netzanteile zurück. Über 120 neue Energieversorgungsunternehmen wurden seit 2005 gegründet und mehr als 200 Konzessionen durch kommunale Unternehmen übernommen. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) beobachtet aktuell auch eine wachsende Zahl von Kommunen, die über eine Rekommunalisierung nachdenken. „Viele Kommunen wollen die Leistungen nicht privaten Oligopolisten [Marktteilnehmer, die in der Position sind, nur wenige Mitbewerber zu haben] überlassen“, heißt es.

Ziel vieler Kommunen ist der so genannte „steuerliche Querverbund“: Gewinne der Energieversorgung finanzieren defizitäre Sparten des integrierten Unternehmens, etwa im Bäderbereich oder im öffentlichen Personenverkehr. Mit der kommunalen Eigentümerschaft ist auch verbunden, dass die Stadtwerke einen Anteil ihrer Gewinne an die Kommune abführen.

Steuerlicher Querverbund

2016 haben die Stadtwerke 6,33 Milliarden Euro in ihren Kraftwerkspark investiert, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent. Das ist die höchste Investitionstätigkeit seit 2011 (8,6 Mrd. Euro). VKU-Hauptgeschäftsführerin Katherina Reiche ist überzeugt: „Die Investitionen zeigen, dass sich der Trend zu Energiewendeanlagen bei den Stadtwerken verstetigt. Insbesondere im Bereich der erneuerbaren Energien sehen wir weiter eine deutliche Dynamik.“ Reiche fordert aber auch „verlässliche Rahmenbedingungen für die Energieerzeugung“ ein. Die Kraft-Wärme-Kopplung müsse weiter wirtschaftlich betrieben werden können. „Im Bereich der erneuerbaren Energien brauchen wir verlässliche Ausschreibungsbedingungen, damit der Markt funktioniert. Die Belastungen zwischen den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr müssen so verteilt werden, dass hier ein echter Wettbewerb stattfinden kann. Dann kann auch Erdgas seine Potenziale für die Energiewende ausspielen.“ Der Präsident des Verbandes kommunaler Unternehmen und Oberbürgermeister der Stadt Mainz, Michael Ebling, unterstreicht die Bedeutung kommunaler Unternehmen: „Sie sind eine unverzichtbare Stütze für den Wirtschaftsstandort Deutschland, sorgen für eine lebenswerte Heimat und für gute Zukunftsperspektiven von Wirtschaft und Gesell-
schaft“. Reinhold Häken | redaktion@regio-manager.de

Ausgabe 10/2017