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Wolfgang Beyers, Geschäftsführer, und Helmut Beyers, Gründer und Geschäftsführer bei Beyers (v.l.)

Big Data in der Intralogistik

Digitalisiert, vernetzt, automatisiert und autonomisiert – auch die Zukunft der Intralogistik steht ganz im Zeichen von Industrie 4.0.



In modernen Industriebetrieben werden ungeheure Datenmengen produziert. Diese als Big Data bezeichneten Datenvolumen müssen verwaltet, sinnvoll genutzt und oftmals mit externen Partner wie Zulieferern geteilt werden, wenn Lieferketten effizient funktionieren sollen. „Intralogistik und Digitalisierung sind untrennbar miteinander verbunden. Jetzt, in der vierten industriellen Revolution, sind wir wieder ganz vorn mit dabei und realisieren das Internet der Dinge mit intelligenten Containern und Ladungsträgern oder autonomen Fahrzeugen und Staplern“, sagt Prof. Michael ten Hompel, Inhaber des Lehrstuhls für Förder- und Lagerwesen an der Technischen Universität Dortmund und geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML in Dortmund. So kommunizieren beispielsweise heute schon Systeme selbstständig und stimmen die nächsten Prozessschritte und den Materialfluss miteinander ab. Mit Analysen von Millionen Datenquellen können Disponenten jede Route, jede Lieferung und jede Verspätung in Echtzeit nachverfolgen. Risiken in der Lieferkette, beispielsweise Staus, oder leere Palettenplätze im Lager, lassen sich so schneller aufspüren und umgehen. Dies ist umso dringender notwendig, je stärker die Anforderungen wachsen. Ob zu Hause oder in der Produktion, heutzutage erwarten Nutzer, dass die von ihnen georderten Produkte innerhalb weniger Stunden angeliefert werden.

Neuentwicklungen


Kein Wunder also, dass die Branche intensiv forscht und Neuheiten entwickelt. So können viele Unternehmen heute beispielsweise in ihren Lägern mit Förderzeugen arbeiten, die sich autonom durch die Gänge bewegen, gesteuert über die Cloud.  Gleichzeitig sorgen Zusatzkomponenten für Gabelstapler und andere Transportgeräte für Sicherheit: Sie erkennen z.B. durch den Einsatz von Magnetfeldern herannahende Personen frühzeitig und warnen Fahrer und Passant, bevor es zur Kollision kommt. Immer wichtiger werden auch Lagerverwaltungssysteme, die alle Abläufe im Lager verwalten, steuern und optimieren und so für höhere Effizienz und eine Vereinfachung der Prozesse sorgen. Beispielhaft sei hier das Warehouse Management System des Branchenriesen Jungheinrich genannt. Dieses kommuniziert über Datenfunk und Standardschnittstellen mit den im Lager eingesetzten Flurförderzeugen und kann neben den Flurförderzeugen auch vertikale Liftsysteme mit der Lagerverwaltung vernetzen.

Wearables


Zunehmende Bedeutung bei der sinnvollen Nutzung von Daten gewinnen auch Wearables, also beispielsweise Datenuhren und -armbänder. Sie halten seit geraumer Zeit nicht nur im Alltag vieler Menschen Einzug, sondern auch die Logistikbranche hat die Vorteile der kleinen mobilen Computer für sich entdeckt. SmARPro (Smart Assistance for Humans in Production Systems) heißt beispielsweise ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt, in dem es um die Erforschung der Möglichkeiten von Wearables im industriellen Einsatz geht. „SmARPro strebt ein Unterstützungssystem für den Menschen an, damit dieser besser in die Fabrik und logistische Prozesse integriert wird und Aufgaben schneller und vor allem einfacher bewältigen kann“, erläutert Thomas Kirks, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML. In der Praxis könnte beispielsweise eine Smartwatch einem Mitarbeiter frühzeitig darauf hinweisen, dass bald ein Akku in einem Flurförderzeug ausgetauscht werden muss – und ihm gleichzeitig die Informationen liefern, wie dies zu bewerkstelligen ist.

Pick-by-Vision


Nach neuen Wegen für die Intralogistik wurde auch am Lehrstuhl für Fördertechnik Materialfluss und Logistik  (fml) an der TU München geforscht. Dort wurde unter dem Namen Pick-by-vision ein praxistaugliches Konzept zur Leistungs- und Qualitätssteigerung in der manuellen Kommissionierung durch den Einsatz der Augmented-Reality-Technologie entwickelt. Pick-by-Vision ermöglicht es z.B., einem Kommissionierer mittels einer Datenbrille alle für die Ausführung seiner Tätigkeit notwendigen Daten direkt in sein Blickfeld einzublenden. Je nach Umfang der Lösung können dem Nutzer nicht nur statische Daten wie Textinformationen angezeigt werden, sondern es können durch den Einsatz eines Trackingsystems zur Bestimmung der Position und Blickrichtung auch dynamische, im Raum positionierte Daten dargestellt werden. Diese räumlichen 3D-Geometrien weisen dann den Weg durch das Lager oder heben den Entnahme- oder Ablageort visuell hervor. Pick-by-Vision kann in einem konventionellen Mann-zur-Ware-System ebenso eingesetzt werden wie bei der Kommissionierung entlang einer Regalzeile oder an einem stationären Kommissionierarbeitsplatz. Dort kann dem Mitarbeiter beispielsweise gezeigt werden, wie er Pakete nach einem vorgegebenen System auf eine Palette platzieren muss.

Antriebstechnik


Intensiv geforscht wird darüber hinaus derzeit auch im Bereich der Antriebstechnik für Flurförderzeuge, hier vor allem in Sachen wasserstoffbetriebene Maschinen und Brennstoffzellensysteme. Eine ebenfalls vom mfl der TU München durchgeführte und im September veröffentlichte Umfrage lässt hier einige Veränderungen erwarten, denn 89 Prozent der Befragten sehen wasserstoffbetriebene Flurförderzeuge als Alternative zu Flurförderzeugen mit herkömmlicher Blei-Säure-Batterie, und sogar 93 Prozent sehen Vorteile in der neuen gegenüber der älteren Technologie. Als wichtigste Vorteile werden ökologische Aspekte, der Flächenbedarf für die Infrastruktur und die Möglichkeit der Betankung statt der Aufladung und des Batterientausches genannt.

Wachsender Markt


Die deutsche Intralogistikbranche hat 2014 nach Angaben des Fachbereichs Fördertechnik und Intralogistik im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) einen Umsatz von rund 19 Milliarden Euro erzielt. Damit, und mit den circa 117.000 Mitarbeitern, Tendenz seit 2011 wieder steigend, gehört sie zu den führenden in der Welt. Den größten Umsatzanteil hatten die Produktgruppen Krane- und Hebezeuge vor den Fluförderzeugen. Spitzenreiter war Deutschland 2014 beim Export: 13,2 Milliarden Euro betrug im vorigen Jahr das Exportvolumen, so viel wie bei keiner anderen Nation. „Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Die Logistik ist in vielen Unternehmen nach wie vor eine der wichtigsten Stellschrauben“, erklärt Sascha Schmel, Geschäftsführer des Fachverbands Fördertechnik und Intralogistik im VDMA. Vor allem im Hinblick auf die ständig wachsenden Anforderungen trügen Fördertechnik- und Intralogistiklösungen entscheidend dazu bei, Prozesse effizienter, flexibler und auch intelligenter zu gestalten.
Herbert Päge | redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 10/2015