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Geschäftsführer Andreas Weber

Baukonjunktur mit positiven Aussichten

Vom Eigenheim bis zur Umgehungsstraße – in keiner Branche sind die Aufgaben so vielfältig wie im Baugewerbe. Mit rund 2,5 Millionen Beschäftigten ist die Branche ein wichtiger Konjunkturindikator.



Kaum eine andere Branche gibt uns allgemein so viel Anlass zum alltäglichen Wehklagen wie die Bauindustrie. Schon am frühen Morgen regen wir uns über den Stau auf der Autobahn auf, der uns vor der großen Brückenbaustelle wieder 30 Minuten Zeit und Nerven kostet. Dann sitzen wir im Büro und schauen rüber zur lärmenden Firmen-Großbaustelle, die uns Konzentration und Nerven kostet und nach Feierabend stellen wir fest, dass die Handwerker mit der Renovierung des heimischen Badezimmers auch nicht so weit gekommen sind wie geplant. Das kostet zusätzlich – Geduld und Nerven!
Dabei kann es doch kaum etwas Schöneres geben als eine Baustelle. Es ist einfach eine Frage der Perspektive – etwas Neues entsteht, Kaputtes wird repariert und Altes auf den modernsten Stand gebracht. Und Kreativität spielt dabei auch noch eine Rolle. Kaum ein Stadtbild, das heute nicht von mindestens einem Baukran geprägt wird. Wenn gebaut wird, ist das doch das beste Zeichen für eine gut laufende Wirtschaft.

Jetzt schnell investieren


Die Häuslebauer unter uns haben das Wohl und Wehe der eigenen Baustelle sicherlich am unmittelbarsten erlebt, denn sie hatten das finanzielle Risiko für jede Verzögerung und jeden Baustillstand persönlich zu tragen. Aber die Vision vom bald fertigen Heim nach den ganz eigenen Vorstellungen war immer wieder Motivation genug, die schwierige Zeit in Matsch und Staub zu überstehen. Zumal gerade in den letzten Jahren für den privaten Wohnungsbau traumhafte Voraussetzungen herrschten, in Form von historisch niedrigen Baufinanzierungszinsen. Doch diese Zeiten scheinen nun zu Ende zu gehen. Mit steigenden Bauzinsen und einem gleichzeitigen Anstieg der Preise im Baugewerbe wird das Eigenheim zunehmend teurer. Grund genug für viele Bauwillige, sich jetzt noch kurzentschlossen den Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen?
In Zeiten von Finanzkrisen und unsicherer Börsenentwicklung sucht manch ein Investor sein Anlageheil noch schnell in einem Immobilienprojekt, das gleichzeitig eine sichere Geldanlage bei halbwegs niedrigen Zinsen und eine sinnvolle Investition für die Altersvorsorge zu sein verspricht. Jetzt, wo das Baugeld beginnt teurer zu werden, steigen die Kreditanfragen bei den Banken. In der Finanzbranche spricht man gar von Torschlusspanik. Eigentumswohnungen sind in nicht wenigen Neubauprojekten schon in der Konzeptphase ausverkauft, lange bevor überhaupt der Grundstein gelegt wurde. Es gibt aber auch Experten, die zu Ruhe und Besonnenheit mahnen. Sie prognostizieren auch für die nächsten Jahre noch günstige Zins- und Finanzierungsangebote.

Wohnungsmangel in den Städten


Aus Sicht der Immobilienentwickler und der Bauindustrie sicher eine komfortable Situation, denn investitionswillige Bauherren und damit Arbeit am Bau scheint es genug zu geben – und zwar nicht nur beim Eigenheim. Die Lebenserwartung der Menschen steigt, Single-Haushalte gehören mehr und mehr zum Lebensmodell, und zwar insbesondere in den Städten, wo der Wohnungsmangel durch weitere Zuwanderung kontinuierlich steigende Mieten mit sich bringt. „Nach Einschätzung des Deutschen Mieterbundes fehlen in Deutschland im Augenblick eine Million Wohnungen. Wir brauchen auch Sozialwohnungen“, beklagte DMB-Geschäftsführer und Pressesprecher Ulrich Ropertz die Situation im Dezember 2014 in einem WDR-Hörfunk-Feature mit dem Titel „Wohnen in Deutschland – Die lukrativen Geschäfte mit dem Mangel“. Und zu diesem Zeitpunkt hatte die aktuelle Flüchtlingsproblematik mit einem zusätzlichen, sechsstelligen Wohnungsbedarf ja gerade erst begonnen.
„Viele der jetzt zu uns kommenden Flüchtlinge werden auf Dauer bei uns bleiben und benötigen schnell kostengünstigen Wohnraum. Voraussetzungen sind aber eine deutliche Verkürzung der Planungs- und Genehmigungsverfahren und die konsequente Ausnutzung der Möglichkeiten, die das Vergaberecht jetzt schon für Notlagen vorsieht“, erklärte Michael Knipper, Hauptgeschäftsführer des Hautverbandes der Deutschen Bauindustrie, Anfang September mit Hinweis auf die besondere Dringlichkeit der nun zusätzlich anstehenden Aufgaben für seine Branche im Hochbau. Hinzu kommen Investionsstaus beim Straßenbau, dringend notwendige Sanierungsarbeiten an Brücken, Erneuerungsarbeiten an überalterten Kanalsystemen, neue Stromleitungstrassen quer durch die Republik, die Modernisierung unserer Kommunikationswege mit schnellen Breitband-Kabelnetzen und so weiter. Der Bauaufgaben gibt es wahrlich genug – wer packt sie an?

Größter Arbeitgeber Deutschlands


Mit rund 2,5 Millionen Beschäftigten bezeichnet sich die Baubranche als größter Arbeitgeber der deutschen Volkswirtschaft. So unterschiedlich die Aufgaben „am Bau“, so vielfältig auch die Ausrichtung der rund 75.000 Unternehmen des Bauhauptgewerbes, die zumeist in den großen Verbänden ZDB und HDB, beide mit Sitz in Berlin, organisiert sind. Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe bezeichnet sich als größter und ältester Bauspitzenverband, der in Deutschland rund 35.000 inhabergeführte Bauunternehmen vertritt. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie umfasst als Dachverband 13 Landesverbände und 5 Fachverbände. Er repräsentiert die Interessen von ca. 2.000 großen und mittelständischen Unternehmen der deutschen Bauindustrie. Beide Verbände nehmen jedoch für sich in Anspruch, für alle 75.000 Betriebe des Bauhauptgewerbes zu sprechen, das in der Bauwirtschaft für die Rohbau-Gewerke Hoch- und Tiefbau sowie für den Straßenbau zuständig ist. Laut amtlicher Wirtschafts-Statistik unterscheidet man diesen Bausektor vom Baunebengewerbe mit den Ausbau-Aufgaben der Haustechniker, Maler, Tapezierer und Schreiner sowie vom Bauhilfsgewerbe, zu dem alle Gewerke gezählt werden, die nur indirekt an den Baumaßnahmen beteiligt sind, wie Bautransport, Baureinigung oder Bauentsorgung.
Ungefähr 730.000 Menschen arbeiten in den unterschiedlichen Gewerken des Bauhauptgewerbes, wobei rund 71 Prozent ihrer Arbeitgeber dem klassischen Handwerk angehören. „Drei Viertel der Gesamtbeschäftigten des Baugewerbes sind im Handwerk tätig. Entsprechend hoch ist auch der Anteil, den das Baugewerbe bei der Ausbildung des Berufsnachwuchses leistet“, so der ZDB.
In seiner „Bauprognose 2015“ ging der ZDB zu Jahresbeginn von einem erwarteten Umsatzplus der Branche von insgesamt zwei Prozent auf 101 Milliarden Euro aus und sah damit, erstmals seit dem Jahr 2000, wieder die 100-Milliarden-Euro-Marke erreichbar (siehe Grafik 1). Demnach sollten die Umsätze im Bereich Wohnungsbau deutlicher Wachstumsmotor im Vergleich zum Wirtschaftsbau sein, wobei der Verband mit Blick auf die rückläufige Zahl der Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser (im Zeitraum Jan. – Okt. 2014 minus drei Prozent im Vorjahresvergleich) den Geschosswohnungsbau als treibende Konjunkturkraft ausmachte. Hier lag das Genehmigungsplus in den ersten zehn Monaten 2014 bei zehn Prozent: „Trotz des deutlichen Aufwärtstrends der vergangenen Jahre werden wir bei den Fertigstellungen auch 2015 das bedarfsdeckende Niveau von 250.000 Wohneinheiten gerade einmal erreichen. Die Defizite aus den Vorjahren sind damit freilich noch lange nicht aufgeholt“, so der ZDB in seiner Prognose für den Wohnungsbau.

Zu wenig öffentliche Investitionen


Für die Entwicklung beim Wirtschaftsbau legte der Verband den Fokus auf die gesamtwirtschaftliche Wachstumsrate, die von Sachverständigen und Wirtschaftsforschern zu Jahresbeginn zwischen 1,0 und 1,5 Prozent prognostiziert wurde. Im Vorjahresverlauf gab es keine eindeutige Tendenz. Eine starke Auftragszunahme beim Tiefbau stand im Widerspruch zu einem rückläufigen Trend bei den Baugenehmigungen: „Das deutlichste Genehmigungsplus verzeichneten im vergangenen Jahr die Fabrik- und Werkstattgebäude mit + 15 Prozent. Schwach entwickelt haben sich hingegen die Dienstleistungsbereiche. Bei Handels- und Lagergebäuden war bei den Baugenehmigungen nur Stagnation zu verzeichnen, bei den Bürogebäuden sogar ein zweistelliger Rückgang.“ Als Hoffnungsträger erscheint hier der Wirtschaftstiefbau, der voraussichtlich von Investitionsprogrammen des Bundes für den Eisenbahn-Ausbau profitieren wird.
Allerdings verspricht sich der Verband von den erneut zu erwartenden Rekord-Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden nicht automatisch einen Investitionsschub bei öffentlichen Baumaßnahmen: „Ein Blick in die Vergangenheit zeigt leider, dass wir uns darauf nicht verlassen dürfen. Seit dem Vorkrisenjahr 2008 stiegen die Steuereinnahmen bis 2014 um 16,7 Prozent an, während das Umsatzplus im öffentlichen Bau lediglich bei 7,4 Prozent lag.“ Der Verband beklagte Ausgabekürzungen der öffentlichen Hände zu Lasten der Investitionen in die Bundesfernstraßen, die auch die Aufstockung bei den Bundesschienenwegen nicht auffangen könne.

Kleckern statt Klotzen


Mit Blick auf die Bundesländer prognostizierte der Verband lediglich stagnierende Bauausgaben, während sich die anstehenden Bauausgaben der Gemeinden für die Branche als kleiner Hoffnungsträger erweisen könnten: „Nach der Prognose des Deutschen Städtetages wollen diese ihre Bausaugaben um rund zwei Prozent erhöhen.“
Wie sehr regionale Unterschiede in die Branchenentwicklung des Bauhauptgewerbes durchzuschlagen scheinen, zeigte sich erst vor einigen Wochen, als der Bauindustrieverband Nordrhein-Westfalen e.?V. meldete: „NRW begnügt sich auf Straßen und Brücken in den nächsten Jahren mit dem Prinzip ‚kleckern statt klotzen‘. Während Bayern Autobahnen baut, entstehen in NRW Ortsumgehungen. Angesichts des prognostizierten Verkehrswachstums fällt Nordrhein-Westfalen zwangsläufig immer weiter zurück. Schuld ist der nach wie vor bestehende Planungsnotstand im Land“, so Prof. Beate Wiemann, Hauptgeschäftsführerin des Bauindustrieverbandes Nordrhein-Westfalen, in Düsseldorf. Michael Groschek, Minister für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes sowie dem Landesbetrieb Straßen NRW, sei es ihrer Meinung nach nicht gelungen, eine ausreichende Anzahl baureifer Projekte vorzuweisen, um an dem 2,7 Milliarden Investitionspaket nennenswert partizipieren zu können, das Bundes-Verkehrsminister Alexander Dobrindt den Ländern für den Bundesfernstraßenbau offeriert habe. Prof. Beate Wiemann vermutet, das schlicht Personalengpässe die Ursache für gestoppte Projektplanungen seien: „Wer zu wenig Planer hat, kann Projekte nicht zur Baureife führen. Als Bauindustrie Nordrhein-Westfalen haben wir das seit Jahren angemahnt.“ Ist das dicke Minus von 8,5 Prozent in der aktuellen Analyse der NRW-Baukonjunktur (siehe Grafik 2) die Quittung für diese Situation?

Positive Konjunkturentwicklung


Trotz der beschriebenen Schwierigkeiten sind die Aussichten in Nordrhein-Westfalen positiv: „Die gut laufende Konjunktur hat der NRW-Bauwirtschaft im ersten Halbjahr 2015 ein ordentliches Auftragsplus beschert. Einzig die Zurückhaltung der öffentlichen Hand trübt das Bild“, kommentiert Prof. Beate Wiemann die Konjunkturzahlen der Monate Januar bis Juni 2015. Beim Tiefbau und den öffentlich verantworteten Baumaßnahmen, von der Straße bis zum Hochbau, stecken die Baumaschinen fest, während insbesondere beim Wohnungs- und im Wirtschafts-Hochbau die Bau-Unternehmen überdurchschnittlich beschäftigt sind. Auch der „sonstige öffentliche Tiefbau“ sorgt mit einem zweistelligen prozentualen Zuwachs für eine gute Entwicklung. Hier sind Kanalarbeiten sowie Kabelnetz- oder Stromleitungs-Verlegungen im Auftrag kommunaler Anbieter gemeint.

Emrich Welsing I redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 08/2015