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Auf Wolke Sieben

Cloud- und SaaS-Lösungen boomen – gerade auch im Mittelstand. In Sachen Digital-Standort Deutschland sieht der Fachverband BITMi allerdings Nachholbedarf.



Kann sich noch jemand an die Zeiten erinnern, als der Begriff „cloud“ nicht mehr war als das englische Wort für Wolke? Das ist längst vorbei. „Cloud“ hat, ähnlich wie „twittern“, weltweit seine Hauptbedeutung in der IT- und Kommunikationswelt erhalten. Und die Wolke ist – nach Ansicht von Fachmann Dr. Oliver Grün – weiter auf Siegeszug. Sie ist ein Top-Thema der Branche. „Aktuell boomen Cloud- und SaaS-Lösungen, also ,Software as a Service’. Vor allem der Mittelstand hat endlich seine Zurückhaltung vor der Cloud abgelegt und nutzt die zahlreichen guten Angebote deutscher Cloud- und Softwareanbieter“, sagt der Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand (BITMi). Der Verein mit Sitz in Aachen und Büro in Berlin vertritt nach eigenen Angaben mehr als 1.500 IT-Unternehmen und ist damit der „größte IT-Fachverband für ausschließlich mittelständische Interessen in Deutschland“. Daten und Prozesse in die Cloud auszulagern, so Grün weiter, habe gleich mehrere Vorteile: „Einerseits sind Daten in einem professionell geführten Datenzentrum meist deutlich sicherer als im eigenen Keller. Die Technik und das Know-how der Hoster sind immer auf dem neusten Stand. Das können Mittelständler, die sich auf ihr Alltagsgeschäft konzentrieren, weder finanziell noch personell leisten.“ Vor allem in technikfernen Branchen fehle das Fachwissen. Die Schulung von Mitarbeitern auf den aktuellsten Stand der Technik sei teuer und aufwendig. „Da lohnt es sich, auf Experten zurückzugreifen“, hebt der Repräsentant der Branche die Vorteile von IT-Dienstleistern hervor.

Zugriff an jedem Ort

Zudem werde das Unternehmen durch die Cloud mobiler und flexibler. „Mitarbeiter können von jedem Ort auf Daten zugreifen und gemeinsam an Prozessen arbeiten. In unserer beschleunigten Welt ist die Geschwindigkeit, in der Prozesse ablaufen und kommuniziert werden können, sehr entscheidend. Und die Cloud bringt damit einen nicht zu vernachlässigenden Vorteil.“ Nicht zuletzt, so der BITMi-Präsident, könnten zusätzliche Ressourcen und Leistungen je nach Bedarf unkompliziert aus der Cloud dazugebucht werden. Ein Vorteil, der vor allem dem finanzsensiblen Mittelstand entgegenkomme. So gebe es keine ungenutzten Ressourcen oder aber verlangsamte Arbeit wegen fehlender Kapazitäten mehr. Die Herausforderung für den Mittelstand sieht Dr. Oliver Grün nun darin, die Technologien der Digitalisierung, wie etwa die Cloud, nicht nur für die Prozessoptimierung zu nutzen. „Der wahre Gewinn der digitalen Transformation ist, die eigenen Geschäftsmodelle weiter- oder neu zu entwickeln. Im internationalen Vergleich wurde Deutschland im B2C-Markt schon abgehängt. Das darf nun im B2B-Bereich nicht auch passieren.“ Deshalb müsse eine echte digitale Transformation „beherzt angegangen werden“. Das Potenzial scheint auf jeden Fall vorhanden. Der IT-Mittelstand stellt laut Verband nicht nur die meisten IT-Arbeitsplätze und IT-Innovationen in Deutschland. Er könne in einer Doppelrolle auch Multiplikator der Digitalisierung bei seinen Kunden, dem Anwender-Mittelstand, sein. Mit seinen Lösungen made in Germany helfe er dem Anwender-Mittelstand, sich selbst zu digitalisieren, sagt Martin Hubschneider, Vizepräsident des BITMi. Diese Einschätzung teilt auch der IT-Mittelstand selbst: Im IT-Mittelstandsbarometer des BITMi stimmten über 80 Prozent der Befragten zu, dass das Bewusstsein für die Potenziale datengetriebener Geschäftsmodelle im Anwender-Mittelstand gestärkt werden müsse – und sehen dort auch ihr eigenes Engagement gefragt.

Digitalministerium gefordert


Gegenüber der Politik hat der Verband einen Forderungskatalog zusammengestellt. Denn um einen digitalen Standort Deutschland überhaupt erst zu ermöglichen, müsse in digitale Infrastruktur und digitale Bildung investiert werden. „Die Erschließung auch ländlicher Räume mit Breitbandinternet ist dafür ein wichtiger Schritt, denn hier sitzt oftmals der Mittelstand. Der Bund muss deshalb erheblich in den Ausbau des Glasfasernetzes investieren“, fordert Hubschneider. Neben einer funktionierenden Infrastruktur sei die nötige digitale Kompetenz entscheidend. „Wir setzen uns dafür ein, dass es schon in der Grundschule das Fach Digitalkunde gibt. Hier kann der Grundstein für ein tiefes Verständnis digitaler Technologien gelegt und ein Bewusstsein für einen sensiblen Umgang mit Daten geschaffen werden“, erklärt Dr. Grün. Um die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft voranzutreiben, müsse die Politik in Deutschland die Rahmenbedingungen anpassen. In einem „ersten Schritt“ fordert der BITMi deshalb die Einrichtung eines Digitalministeriums. „Entscheidungskompetenzen der Netz- und Digitalpolitik sind in den Ressorts von gleich fünf Ministerien untergebracht. Dadurch entstehen ein hoher Koordinationsaufwand, langsame Entscheidungen und Streitigkeiten um die Zuständigkeiten der jeweiligen Ministerien. Bei einem so zentralen Zukunftsthema können wir uns das nicht erlauben“, mahnt der BITMi-Präsident.

Viel Nachholbedarf


Daneben fordert der BITMi die Erarbeitung verschiedener rechtlicher Rahmenbedingungen und Regulierungen, wie ein einheitliches europäisches Vertragsrecht, einen freien Markt für nicht-personenbezogene Daten und eine mittelstandsgerechte Standardisierungspolitik für Interoperabilität und offene Schnittstellen. Diese „zentralen Themen“ spiegelten sich laut BITMi auch in dessen Netzwerk wider: Über 80 Prozent sprechen sich demnach im IT-Mittelstandsbarometer für offene Standards aus. „Über die Hälfte befürworten die Einführung eines europäischen Vertragsrechts und die Ermöglichung einer Nutzung nicht-personenbezogener Daten durch Hersteller und Nutzer.“ Auch im Finanzierungsbereich sieht man „großen Nachholbedarf“. Denn für IT-Mittelständler sei es angesichts der hohen Dynamik der Branche eine besondere Herausforderung, neue Geschäftsmodelle zu finanzieren. „Zusätzlich konkurrieren sie auf dem internationalen Markt mit IT-Konzernen, die auf ihren Gewinn unter ein Prozent Steuern zahlen“, beschreibt Vizepräsident Martin Hubschneider die Lage. „Deshalb setzt der BITMi sich für ein Gesetz zur Förderung des Venture-Capital-Standorts Deutschland ein und fordert darüber hinaus die Europäische Union auf, Steuerschlupflöcher zu schließen, die einen wirklichen Wettbewerb des Mittelstands mit Konzernen verhindern.“

Daniel Boss I redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 04/2017