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Dr. Bettina Wolf (Foto: Sabrina Voss (sabrinity)

„Spezialisten und Akademiker fehlen“

Dr. Bettina Wolf, Chefin der Agentur für Arbeit Siegen, im Interview zum Thema Braindrain in Südwestfalen.



„In Südwestfalen fehlen Ingenieure, Meister und Techniker“, analysiert Dr. Bettina Wolf. Die Chefin der Agentur für Arbeit in Siegen macht dies an der Zahl der unbesetzten Stellen fest und an den Zeiträumen, in denen die gemeldeten Stellen unbesetzt bleiben. Die „Abwanderung von Intelligenz“ werde in Südwestfalen insbesondere durch den Fachkräftemangel deutlich in den Bereichen Medizin, Elektrotechnik, technische Forschung und Entwicklung, Softwareentwicklung sowie in hoch spezialisierten Verkaufsberufen. Dennoch macht Dr. Bettina Wolf Hoffnung: Südwestfalen sei so attraktiv, dass viele Menschen nach einer qualifizierten Ausbildung wieder zurückkommen.

SWM: Häufig ist die Rede vom Braindrain, also der Abwanderung von Intelligenz. Wo steckt eigentlich die „südwestfälische Intelligenz“?

Dr. Bettina Wolf: Vor allem in den vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die über 150 Weltmarktführer in der Region sind nur die Speerspitze einer innovativen und hervorragend aufgestellten Unternehmenslandschaft. Die Intelligenz steckt aber nicht anonym in den Unternehmen, sondern in den Köpfen der Menschen, und das gilt nicht nur für die Ingenieure, sondern auch für die gut ausgebildeten Techniker, Meister und Facharbeiter.

SWM: Warum verlassen junge Menschen die Region; können Sie Wanderbewegungen analysieren?

Dr. Bettina Wolf: Viele junge Menschen verlassen die Region, um in einer anderen Stadt oder auch im Ausland zu studieren oder eine Ausbildung zu beginnen. Das ist zuerst einmal nicht negativ, sondern positiv zu sehen. Die jungen Menschen machen in der Fremde ja wertvolle Erfahrungen, sammeln Wissen und entwickeln sich persönlich weiter. Spannend ist anschließend die Frage, ob die Region sowohl von den beruflichen Möglichkeiten als auch dem sozialen Umfeld so attraktiv ist, dass diese sehr gut ausgebildeten Menschen hierher zurückkommen. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Region sind zusammen dafür verantwortlich, dass die hoch qualifizierten Fachkräfte diese Frage mit „Ja“ beantworten.

SWM: In welchen Bereichen fehlen Akademiker, Ingenieure, Facharbeiter?

Dr. Bettina Wolf: Eine Möglichkeit, das Fehlen von Fachkräften zu messen, ist die Vakanzzeit, also die Zeit, die vergeht, bis eine freie Stelle besetzt ist. Spezialisten, also Meister oder Techniker, fehlen insbesondere in der Elektrotechnik, in der Sanitär- und Klimatechnik und in der Konstruktion. Akademiker-Stellen bleiben lange unbesetzt in der Medizin, der Elektrotechnik, der technischen Forschung und Entwicklung sowie der Softwareentwicklung, aber auch in den hoch spezialisierten Verkaufsberufen. In allen diesen Berufen liegen wir in der Region bei der Vakanzzeit deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

SWM: Was sind die Gründe für diesen „Braindrain“?

Dr. Bettina Wolf: Braindrain bezeichnet ursprünglich die Abwanderung von Wissenschaftlern und hoch qualifizierten Akademikern ins Ausland, beispielsweise die USA. Insofern ist die Bezeichnung Braindrain für Südwestfalen schon etwas zugespitzt, aber die Gründe sind ähnlich. Die Menschen zieht es an Orte, an denen sie vermeintlich bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen vorfinden. So wandern vor allem junge Menschen in die großen, studentisch geprägten Städte ab, in denen sie viele Gleichaltrige und ein entsprechendes Freizeitangebot vorfinden. Oft ist der Fortzug auch gar nicht auf Dauer geplant, doch wenn am neuen Arbeitsort noch Partnerschaft und Familie hinzukommen, schwindet schnell die Bereitschaft, die neu gewonnenen sozialen Bindungen durch einen Umzug zurück in die alte Heimat aufzugeben.

SWM: Was sind die Folgen von Braindrain?

Dr. Bettina Wolf: Auf den ersten Blick scheint ein Braindrain ja nur negative Auswirkungen zu haben, da hoch qualifizierte Fachkräfte ein Land oder eine Region verlassen. Wenn forschungs- und entwicklungsrelevante Stellen in den Unternehmen unbesetzt bleiben, ist dies auch tatsächlich der Fall. Betrachten wir jedoch gezielt Südwestfalen, sieht es etwas anders aus. Südwestfalen hat mit der Universität Siegen, der FH Südwestfalen sowie einigen kleinen Fachhochschulen eine vielfältige, aber nicht allumfassende Hochschullandschaft. Die Möglichkeit, Medizin zu studieren, besteht z.B. gar nicht. Wir sind also darauf angewiesen, dass junge Menschen aus der Region fortziehen und andernorts Qualifikationen erwerben und Berufserfahrung sammeln. Danach sind wir bei der oben bereits formulierten Frage: Ist Südwestfalen so attraktiv, dass diese jungen oder auch berufserfahrenen Akademiker in die Region ziehen? Ich meine, ja. Reinhold Häken | redaktion@suedwestfalen-manager.de

Ausgabe 10/2015