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Karriere-Killer Kind?

Viele junge Väter möchten das im Jahr 2007 eingeführte Elterngeld nutzen oder in Teilzeit arbeiten, um sich stärker um die Familie zu kümmern. Doch das kann finanzielle Einbußen mit sich bringen. Und einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn im Wege stehen.



Sebastian Wulff ist mit seinem Leben rundum zufrieden. Vor drei Jahren ist der heute 37-jährige Journalist, der fest angestellt in einem Kölner Redaktionsbüro arbeitet, zum ersten Mal Vater geworden. Als im Mai 2016 sein zweiter Sohn Oskar zur Welt kam, stand für Wulff fest: Diesmal würde er das Elterngeld nutzen, eine Auszeit vom Job nehmen und sich ganz der Familie widmen. „Das habe ich gemacht und fand es sehr gut“, sagt Wulff. So gut, dass er aktuell den zweiten Teil seiner Auszeit nimmt. „Im vergangenen Jahr hatte ich durch die sechs Wochen, in denen ich nicht im Büro war, gar keine Probleme“, berichtet der Redakteur. Als er Anfang 2017 aber ankündigte, er würde sich gern noch einmal für zwei Monate ausschließlich um die Familie kümmern, schauten ihn zwei Kolleginnen schief an. „Schon wieder?“, fragte die eine. „Deine Frau ist doch zu Hause, das reicht ja wohl“, erklärte die andere. „Ich habe mich davon zwar nicht abhalten lassen“, berichtet Wulff. Inzwischen mache er sich aber schon Gedanken darum, ob er nicht Schwierigkeiten bekommen könnte, wenn er nach der Pause wieder einsteigt. Mit seinen Überlegungen steht Sebastian Wulff keineswegs allein da. Viele junge Väter möchten das im Jahr 2007 eingeführte Elterngeld nutzen oder in Teilzeit arbeiten, um sich stärker um die Familie zu kümmern. Zudem wollen sie es ihrer Partnerin ermöglichen, nach der Geburt eines Kindes, früher wieder in der Job einzusteigen. Doch nicht selten hält sie die Befürchtung davon ab, Familien-Pause oder Teilzeit könnten zu große finanzielle Einbußen mit sich bringen. Oder einen echten Karriere-Knick bedeuten. Je nach gewähltem Modell kann es dazu auch durchaus kommen.

Versorgerrolle allein reicht nicht


„Mein Vater war in unserer Familie der Versorger“, sagt Sebastian Wulff. „Aber mir reicht das allein nicht“, erklärt er. Diese Ansicht teilt die große Mehrheit der Männer, die die Unternehmensberatung A.T. Kearney Mitte 2016 für ihre repräsentative Studie zur Familienfreundlichkeit in deutschen Unternehmen befragt hat. Die Bestandsaufnahme ist Teil der Initiative „Die Neu-Erfindung der Familie“ und wurde bereits zum vierten Mal erstellt. A.T. Kearney hat dafür über 900 weibliche und männliche Arbeitnehmer interviewt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Zwar möchten die meisten Väter ihre Familienpflichten über eine reine „Versorgerrolle“ hinweg wahrnehmen, allerdings sieht jeder zweite Mann dadurch Beeinträchtigungen im Job. Jeder vierte befürchtet schlechtere Karrierechancen. Zweifelte im Vorjahr nur jeder 20. Vater an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, so glaubt heute jeder fünfte gar nicht mehr daran. Bei Angeboten wie Familienpausen mit Elterngeld, oft auch nicht ganz korrekt als Elternzeit bezeichnet, fürchten 38 Prozent der befragten Väter finanzielle Einbußen. Jeder dritte hat Angst vor Leistungsabwertungen. Das ist schade, zumal auch eine aktuelle Auswertung der Krankenkasse AOK Nordwest beweist, dass Männer ihre Vaterrolle heute wirklich ernst nehmen. So kümmern sich etwa in Westfalen-Lippe immer mehr Väter um ein erkranktes Kind. 2016 erhielten knapp 5.900 Männer Kinderpflege-Krankengeld. Damit liegt ihr Anteil bei fast 20 Prozent aller Fälle, 2010 waren es noch 17 Prozent.

Teilzeit kann Einbußen bringen


Ob sich Väter, die mehr für die Familie da sein möchten, aus gutem Grund Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen, kommt sehr darauf an, ob sie Elterngeld oder Teilzeit wählen. Wer Elterngeld beansprucht und auf diese Art eine Auszeit für die Kinder nimmt, muss keine negativen Auswirkungen auf das Gehalt befürchten. Wählen Väter hingegen ein Teilzeit-Modell, sind finanzielle Einbußen und Karrierenachteile durchaus wahrscheinlich. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest Dr. Mareike Bünning von der Nachwuchsgruppe Arbeit und Fürsorge am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in einer Untersuchung. Dafür analysierte die Wissenschaftlerin die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 1991 bis 2013 und des Panels Familien in Deutschland (FiD) zwischen 2010 bis 2013. Das Resultat: Weder im öffentlichen Dienst noch in der Privatwirtschaft ist Elternzeit für Väter mit Lohneinbußen verbunden. Anders sieht es bei der Teilzeitarbeit aus. Mit jedem Monat, den Männer in Teil- statt in Vollzeit tätig sind, verringert sich ihr Stundenlohn um durchschnittlich 0,2 Prozent, schreibt Dr. Bünning. Ein Jahr Teilzeitarbeit führt somit zu Lohneinbußen von etwa drei Prozent. Das Ergebnis lasse sich möglicherweise darauf zurückführen, dass der Wunsch nach Teilzeitarbeit als Signal für mangelndes berufliches Engagement verstanden wird, erklärt die Forscherin. Das Minder-Interesse sanktionierten Arbeitgeber dann oft durch ein geringeres Gehalt, ausbleibende Gehaltserhöhungen oder Beförderungen. „Wenn ich das höre, bin ich froh, dass ich nur Elterngeld in Anspruch genommen habe“, sagt Sebastian Wulff. Ein Grund zum Aufatmen ist das allerdings noch nicht. Denn ob mit einer Elterngeld-Auszeit das Risiko beruflicher Verschlechterungen steigt oder nicht, kann sehr davon abhängen, wie lang die Pause ist. Dies zeigt eine Studie des Berliner Instituts für Sozialwissenschaftlichen Transfer (SowiTra), die von der Hans-Böckler-Stiftung unterstützt wurde. Die Forscher führten für die Untersuchung zwischen 2012 und 2014 Interviews mit 43 ausgewählten „Elterngeld-Vätern“. Zusätzlich erstellten sie eine Online-Umfrage mit mehr als 600 Teilnehmern.

Mit der Dauer der Pause steigt das Risiko

 

Das Ergebnis ist deutlich: Für Väter, die mehr als die üblichen zwei Monate Elternzeit nehmen, steigt die Gefahr des Karriere-Knicks. „Neben Ansehens- und Einkommensverlusten kommt es am häufigsten zu schlechteren Aufstiegsmöglichkeiten“, schreiben die Autoren. So erkannten 16 Prozent der Väter mit einer Elterngeld-Zeit von zwei Monaten verschlechterte Karrierechancen. Unter den Männern, die drei Monate Elternzeit oder mehr genommen hatten, waren es bereits 27 Prozent. Zu den Verschlechterungen, von denen die Studien-Teilnehmer berichteten, zählten u.a. eine Einschränkung des bisherigen Tätigkeitsfeldes, weniger Verantwortung für Projekte oder eine erwartete Beförderung, die ausblieb. Der Studie zufolge spielt für einen guten Wiedereinstieg nach einer Elternzeit die Unterstützung des direkten Vorgesetzten eine sehr wichtige Rolle. So wurde die berufliche Situation in der Gruppe der Väter, die von ihren Chefs unterstützt wurden, nur für fünf Prozent der Befragten schlechter. Bei den Arbeitnehmern, denen ihr Chef nicht zur Seite stand, berichteten hingegen 24 Prozent von einer Verschlechterung der Bedingungen im Job. Die Unterstützung des Vorgesetzten ist Vätern, die eine Familien-Pause einlegen möchten, allerdings keineswegs sicher. Immerhin 31 Prozent der 600 per Online-Fragebogen interviewten Väter, die maximal zwei Monate in Elternzeit gehen wollten, berichteten von schlechten Erfahrungen. Männer, die eine Auszeit von drei Monaten oder länger nehmen wollten, stießen sogar zu 36 Prozent zunächst auf Ablehnung. Und: Je schwieriger es ist, eine Vertretung zu finden, desto negativer fällt die Reaktion der Chefs aus, wie die Untersuchung zeigt. „Wenigstens damit habe ich keine Probleme“, sagt Sebastian Wulff. „Mein Chef hat mich auch beim zweiten Teil meiner Elternzeit voll unterstützt und ich habe eine erstklassige Kollegin, die mich vertritt“, erklärt er. Ob sie nach seiner Pause den Posten auch wieder räumt, ganz ohne Ansprüche zu stellen? „Beim letzten Mal gab es jedenfalls keine Probleme“, sagt Wulff. Er will jetzt auch nicht darüber nachdenken – sondern sich um seine Familie kümmern.

Andrea Martens | redaktion@revier-manager.de

Ausgabe 05/2017