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Acetylen wird hauptsächlich für autogene Schneid- und Brennverfahren verwendet Foto: ©Kadmy – stock.adobe.com

Für Industrie, Umwelt und Mensch

Industriegase sind für die Industrie, das Handwerk und für die Gesundheit des Menschen bedeutsam. Ein Branchenüberblick.



Während der typische Endverbraucher beim Thema Gas unweigerlich an die Erdgas-Heizung im Keller oder vielleicht noch an den Propangas-Kocher im Urlaub denkt, finden sich im gewerblichen Bereich gleich unzählige Verwendungsmöglichkeiten.
So werden Industriegase und technische Gase in den unterschiedlichsten Branchen benötigt: in der Medizin, der Metallverarbeitung, in der Lebensmitteltechnik und in der Bauindustrie. Industriegase sind sowohl Sauerstoff, Stickstoff und Argon als Luftgase als auch Acetylen, Wasserstoff sowie Kohlendioxid, die chemisch bzw. im Fall von Kohlendioxid auch natürlich gewonnen werden. Gase werden beispielsweise eingesetzt für Schneid- und Schweißverfahren, zur Düngung und Trocknung in der Landwirtschaft, aber auch zur Karbonisierung von Getränken. Stickstoff ist für die Luft- und Raumfahrt sehr relevant, in den Auto-Airbags spielt er eine wichtige Rolle für die Sicherheit.

Abgefüllt wird das Gas in Flaschen, die nicht nur 100-prozentig dicht sein, sondern auch einem hohen Druck standhalten müssen.

Es gibt sogenannte Nutzungsflaschen und Pfandflaschen: Die Nutzungsflaschen kauft der Kunde einmalig. Ist diese Flasche leer, wird sie vom Anbieter wieder und wieder befüllt. Pfandflaschen hingegen gehören dem Anbieter, er verlangt für diese Flasche ein Pfand, das der Kunde bei der Rückgabe der leeren Flasche wieder zurückbekommt. Die Flaschen gibt es in unterschiedlichen Größen – für Dachdeckerarbeiter ist eine elf Kilo schwere Flasche empfehlenswerter als für die Bautrocknung. Hier lohnt sich vielmehr eine größere 33-Kilo-Flasche. Die Flaschen unterliegen hohen Sicherheitsanforderungen und müssen regelmäßig geprüft und zertifiziert werden. Auch nach jeder Befüllung sollte die Flasche auf ihre Dichtigkeit geprüft werden. Als allgemeine Kennzeichnungsregeln für die Flaschenschulter gilt: Gelb bedeutet giftig oder ätzend, Rot steht für entzündbar, Hellblau für oxidierend und ein leuchtendes Grün für erstickend (inert). Dabei wird nur die primäre Gefährdung des Gases dargestellt. So kann auch aus größerer Entfernung erkannt werden, um welches Gefahrgut es sich handelt. Darüber hinaus gibt es noch weitere spezielle Kennzeichnungen. Die gängigen Gase für die industrielle und medizinische Anwendung sowie die Gasgemische, die für die Inhalation verwendet werden, sind gesondert gekennzeichnet. In Europa sterben nach Angaben des Österreichischen Industriegaseverbands im Jahr bis zu 20 Menschen, weil unsachgemäß mit den inerten Gasen – Stickstoff, Argon, Helium oder Kohlendioxid – umgegangen worden ist. Daher sind Schulungen und das Einhalten der Sicherheitsvorschriften und -normen sowie eine gewissenhafte Aufsicht des Personals extrem wichtig.

Themen und Aufgaben

Der IndustrieGaseVerband (IGV) mit Sitz in Berlin gehört zum Verband der Chemischen Industrie (VCI) als auch zum European Industrial Gases Association (EIGA). Mitglieder sind Unternehmen, die in Deutschland Industriegase herstellen und/oder abfüllen und vertreiben. „Unser Verband hat derzeit 20 Mitgliedsunternehmen“, berichtet Werner Marcisch, Geschäftsführer des IGV.
Es gibt innerhalb des Verbands mehrere Fachgruppen, die sich mit bestimmten Themen beschäftigen. Die Herstellung von Industriegasen ist sehr energieaufwendig, sodass sich eine Expertengruppe darum bemüht, mittels Beratung den Energieeinsatz in den Mitgliedsunternehmen zu reduzieren. Die Expertengruppen des IGV agieren jedoch nicht nur verbandsintern, sondern engagieren sich auch im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie in der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in puncto Tankfahrzeugtechnik. Die aktuellen Themen, die den Verband beschäftigen, sind die verschiedenen Steuerzuschläge, die für die Branche relevant sind, wie beispielsweise C02-Steuer oder Stromsteuer. Weitere relevante Stichworte sind die Zertifikate und die Sicherheitsvorkehrungen. Geraten die Gase unter Druck, ist das Gefährdungspotenzial erheblich. In puncto Sicherheit geht es nicht nur um die Sicherheitsverordnungen und die gesetzgebenden Verfahren, sondern auch um die Verantwortung der Industriegas-Unternehmen gegenüber Mensch und Umwelt.

Weltweite Märkte

Der Einsatz der Industrie- und technischen Gase ist relativ hoch, obwohl der Verbrauch in den letzten Jahren stagniert. Zwischen 2011 und 2015 lag das Wachstum nur bei 0,9 Prozent pro Jahr. Weltweit betrachtet, fällt die Prognose für den asiatischen Markt am größten aus, hier wird am meisten Wachstum erwartet. In Europa und Amerika hingegen wird bis ins Jahr 2020 ein geringeres Wachstum erwartet. Marktführer in Europa ist Air Liquide mit 32 Prozent, gefolgt von Linde mit 30 Prozent. An dritter Stelle mit 13 Prozent Marktanteil steht Air Products. Auf dem Markt sind des Weiteren auch viele regionale Anbieter. Deren Kunden, oft kleine und mittelständische Unternehmen, profitieren oftmals von kurzen Wegen, wenn sie eine neue Gasflasche benötigen, aber bis zum Abhollager nicht allzu viel Zeit verlieren. Marcisch berichtet: „Einen Wachstumsmarkt sehen wir in der Medizintechnik und bei den Lebensmittelherstellern.“ Erstere verwendet die Gase, beispielsweise Lachgas als Narkosemittel oder ein Helium-Sauerstoff-Gemisch als Atemgas, auf der Intensivstation. In der Lebensmittelindustrie werden die Gase in Zukunft wohl noch häufiger für die Verpackung von frischen Lebensmitteln verwendet. So kommt Stickstoff zum Einsatz, wenn es darum geht, dass die Chipstüte im Geschäft und zu Hause prall gefüllt ist, bis sie schließlich geöffnet wird. Andererseits wird Sauerstoff verwendet, wenn Salate in der Verpackung grün und frisch bleiben sollen. Einen weiteren dritten Schwerpunkt sieht Marcisch in der Entwicklung des Wasserstoffantriebs für Autos. „Die Ökobilanz der energieintensiven Batterie der E-Mobilität fällt nicht gut aus. Uns ist unerklärlich, wieso die Bundesregierung so daran festhält“, wundert sich der Geschäftsführer. Vor allem das toxische Material, das in der Batterie enthalten ist, ist schwierig abzubauen. „Der Wasserstoffantrieb ist indes nur in der Herstellung energieintensiv.“ Als Emission bleibt hier nur Wasser – weder CO2 noch Stickoxide. Karin Bünnagel | redaktion@regio-manager.de

Ausgabe 10/2017