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In Aachen produziert und entwickelt StreetScooter rein elektrische Nutzfahrzeuge Foto: StreetScooter GmbH

Zum Vorreiter werden

NRW hat sich auf dem Gebiet der Elektromobilität ehrgeizige Ziele gesetzt. Als Ballungsraum kann das Land seine Stärken ausspielen: eine starke Industrie- und Forschungslandschaft.



Das Thema Elektromobilität ist in der deutschen Öffentlichkeit angekommen. Nicht zuletzt durch die Dieselkrise und die von der Bundesregierung im April 2016 eingeführte Kaufprämie für Elektrofahrzeuge steigt das Interesse von Autofahrern und Unternehmen an alternativen Antriebsmodellen. Den Trend nicht zu verschlafen und neue Wege der Mobilität zu finden ist besonders für den Verkehrsknotenpunkt Nordrhein-Westfalen existenziell. Das Bundesland beherbergt zahlreiche Fahrzeughersteller und mittelständische Zulieferer, über 80.000 Beschäftigte sind hier direkt in der Automobilindustrie tätig. Zudem verfügt die Region über eine ausgeprägte Energiebranche mit großen Versorgungsunternehmen.

Dr.-Ing. Matthias Dürr sieht das Bundesland beim Thema Elektromobilität im deutschlandweiten Vergleich gut aufgestellt. „Nordrhein-Westfalen rangiert hinsichtlich der Zahlen bei Elektrofahrzeugen und Lademöglichkeiten stets in den Top drei der deutschen Bundesländer. Zudem ist es aufgrund seiner sehr breit aufgestellten Hochschul- und Forschungslandschaft, der vielfältigen Zuliefer-Industrie und seiner urbanen Struktur sowie der hohen Einwohnerzahl für die Weiterentwicklung und Anwendung der Elektromobilität absolut prädestiniert.“

Der promovierte Ingenieur leitet das Kompetenzzentrum Elektromobilität NRW, das die Landesregierung 2009 aus der Taufe gehoben hat. Dort arbeitet der Projektträger ETN (Energie, Technologie, Nachhaltigkeit) mit Sitz im Forschungszentrum Jülich in einem Konsortium mit dem Beratungs- und Planungsunternehmen Agiplan und der Forschungsgesellschaft Kraftfahrwesen mbH Aachen (fka) zusammen. Assoziierte Partner sind die Energieagentur NRW und der TÜV Rheinland. Das Kompetenzzentrum unterstützt Forschung und Entwicklung, bündelt Expertenwissen und berät neben der Landesregierung auch Unternehmen und Kommunen auf dem Gebiet der Elektromobilität. Die Projekte und technischen Schwerpunkte im Hinblick auf E-Mobilität sind dabei vielfältig. „Nordrhein-Westfalen ist in Forschung, Entwicklung und Produktion im Bereich der Elektromobilität breit aufgestellt. Die in der Elektromobilität agierenden Unternehmen in NRW arbeiten entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Elektromobilität. Dabei reicht die Palette von Komponenten und Dienstleistungen über Ladeinfrastruktur bis hin zu Elektrotransportern“, berichtet Dr. Dürr. „Ob das MEET Batterieforschungszentrum an der Uni Münster, das Institut für Kraftfahrzeuge an der Uni Aachen, der Ladestecker-Pionier Mennekes im sauerländischen Kirchhundem oder eben das aus einem Universitätsprojekt entstandene vollelektrische Zustellfahrzeug StreetScooter – NRW bietet ein nahezu unerschöpfliches Potenzial bekannter und Hidden Champions der Elektromobilität. Hierzulande wird in allen Bereichen der Elektromobilität auf Weltniveau geforscht, entwickelt und produziert.“

Masterplan soll es richten

Nach Willen der Landespolitik soll Nordrhein-Westfalen bundesweiter Vorreiter und Impulsgeber auf dem Gebiet der Elektromobilität werden. Um dieses Ziel zu erreichen, hat eine Expertengruppe unter Führung von ElektroMobilität NRW und in Kooperation mit den Landesministerien im Jahr 2009 einen Masterplan erarbeitet und 2014 noch einmal aktualisiert. In dem Masterplan definieren die Experten vier Handlungsfelder: Rahmenbedingungen, Forschung & Entwicklung, Systeminnovation sowie Kommunikation. Für jeden Teilbereich sind Ziele und Maßnahmen festgelegt, um Nordrhein-Westfalen als führendes Elektromobilitätsland zu etablieren.

Bis es so weit ist, muss allerdings noch einiges passieren. Im Bereich Systeminnovation erklärt der Masterplan beispielsweise das Kernziel, die Anzahl der E-Fahrzeuge im Land bis 2020 auf 250.000 zu erhöhen. Dem Kraftfahrt-Bundesamt zufolge lag der Bestand an rein batteriebetriebenen Elektrofahrzeugen (BEV) in NRW im Jahr 2016 gerade einmal bei 5.238. Doch auch wenn der Anteil der BEV an den gesamten Neuzulassungen weiterhin niedrig ist, zeichnet sich doch ein Trend ab. Seit 2009 steigt deren Bestand in NRW pro Jahr durchschnittlich um rund 50 Prozent. In der Halbjahresbilanz 2017 liegt das Land sowohl bei den Neuzulassungen als auch beim Bestand reiner Elektrofahrzeuge hinter Bayern und Baden-Württemberg auf Platz drei. Während im Jahr 2016 insgesamt 1.814 reine Elektroautos neu zugelassen wurden, waren es in den ersten sechs Monaten 2017 bereits 1.709.

Damit die Zahlen weiter nach oben gehen, hat die Landesregierung im Oktober 2017 für Privatpersonen und Unternehmen das „Sofortprogramm Elektromobilität“ aufgelegt. Das Land unterstützt nun Privatleute, die auf ihrem Grundstück eine Ladesäule für Elektrofahrzeuge installieren wollen und zahlt 50 Prozent der Kosten bis maximal 1.000 Euro für jeden privat genutzten Ladepunkt. Öffentlich zugängliche Ladepunkte werden mit bis zu 5.000 Euro bezuschusst. „Durch erfolgreiche Hersteller wie StreetScooter und e.GO startet Nordrhein-Westfalen mit Rückenwind in die Ära der Elektromobilität. Mit der neuen Förderung wollen wir den Ausbau der Ladeinfrastruktur weiter beschleunigen – und Verbrauchern die Entscheidung für saubere Elektrofahrzeuge erleichtern“, so Wirtschafts- und Digitalminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart.

Eine neue Modellregion

Einen Schub erhält die Mobilitätswende auch durch das Programm „Modellregionen Elektromobilität“ des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Dieses Programm fördert die bereichsübergreifende Zusammenarbeit von Industrie, Wissenschaft und öffentlicher Hand, um E-Mobilität im Alltag präsenter zu machen und die Ladeinfrastruktur zu verbessern. In Nordrhein-Westfalen wurden dadurch seit 2010 über 60 Projekte angestoßen. Eine Modellregion Elektromobilität Rhein-Ruhr besteht hierzulande bereits. Auf deren Grundlage will das Land eine Modellregion NRW aufbauen, die künftig europaweit vorbildhaft für das Zeitalter der neuen Mobilität steht.

Dr. Matthias Dürr sieht sowohl beim Gesetzgeber als auch bei den Unternehmen weiteren Handlungsbedarf. „Die Schaffung von die Elektromobilität begünstigenden Rahmenbedingungen muss einer der zentralen Arbeitspunkte der nahen Zukunft sein. Standardisierung und Normierung sind unabdingbare Voraussetzung für eine Beschleunigung des Markthochlaufs der Elektromobilität. In Ergänzung dazu müssen auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Herstellern und Anwendern gleichermaßen Sicherheit zu gewähren. Zudem sind die Fahrzeughersteller in der Pflicht, Produkte anzubieten, die für die Bürger ebenso attraktiv sind wie verbrennungsbetriebene Fahrzeuge.“ Trotz aller Herausforderungen ist der Leiter des Kompetenzzentrums vor allem im Hinblick auf das einwohnerstärkste Bundesland optimistisch gestimmt. „Die Elektromobilität ist Teil einer Mobilitätswende, für deren erfolgreiche Bewältigung branchenübergreifende Lösungen gefunden werden müssen. Die Mobilität der Zukunft ist elektrisch, vernetzt, autonom und geteilt. Hierfür müssen Produkte und Dienstleistungen entwickelt werden. Nordrhein-Westfalen ist dafür exzellent aufgestellt.“

Alexander Kirschbaum | redaktion@nrw-manger.de

Ausgabe 2017