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Die Heimat der Industrie 4.0 liegt in NRW

Digitalisierung in Industrie, Handwerk und Dienstleistungen.



Der nordrhein-westfälische Mittelstand profitiert aufgrund seiner engen Verflechtung mit unseren Nachbarstandorten und seiner starken Logistikwirtschaft von der Konjunktur im Bundesgebiet und ganz Europas. Mit der Digitalisierung und Industrie 4.0 stehen dabei sowohl für den Mittelstand als auch global agierende Unternehmen große Änderungen vor der Tür. Smart Mobility, Smart Grid, Cloud Computing, Big Data, Smart Factory oder Glasfasernetze sind nur einige der Themenfelder hierbei. „Auch die Digitalwirtschaft dockt immer stärker an bestehenden Industrien an und befeuert mit erfolgreichen Start-ups den traditionell starken Medienstandort NRW zusätzlich,“ sagt Herbert Schulte, NRW-Landesgeschäftsführer beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft. „Junge Unternehmen machen die Rheinschiene von Düsseldorf nach Köln zu einer der erfolgreichsten IT-Regionen der Bundesrepublik, in der neue Jobs und Wohlstand entstehen.“

In der Tat kann man sagen, dass wir in NRW von unserer innovativen Forschungslandschaft und Vernetzung profitieren. So haben wir mit dem Technologie-Netzwerk „Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe“ eines der führenden Spitzencluster in Deutschland. Auch ist das Kompetenzzentrum „Digital in NRW“ ein weiteres Standbein in NRW. Doch wie schaut es mit der Digitalisierung abseits der Spitzen- und Exzellenzcluster sowie Kompetenzzentren aus? Wie kann man die aktuelle Lage des Mittelstands und des Digital-Standorts NRW beschreiben?

Digitalisierung im Handwerk

Hierzu lohnt ein Blick in die zahlreichen Branchen in NRW – ob nun familiengeführte Unternehmen oder Global Player der Automobilindustrie, ob kommunales Unternehmen oder Kreishandwerkerschaft. Letztere zeigt sich besonders interessiert. Laut einer bundesweiten repräsentativen Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks und Bitkom unter 504 Handwerksbetrieben sagen vier von fünf Handwerksbetrieben (81 Prozent), dass sie generell aufgeschlossen gegenüber dem Thema Digitalisierung sind. 58 Prozent der Handwerksbetriebe setzen bereits auf Softwarelösungen, um ihre betrieblichen Abläufe zu steuern. Und jeder vierte Betrieb nutzt die moderne Technologie für die Produktion – und das branchenübergreifend. So werden 3D-Druck und Scanner sowie E-Health im Gesundheitshandwerk genutzt, während Bau- und Ausbauhandwerk sich dem Smart Home oder dem Einsatz von Drohnen widmet. Ergänzend dazu bemerkt Lutz Pollmann, Hauptgeschäftsführer der Baugewerblichen Verbände, dass zahlreiche Firmen aus NRW bereits aktiv an der Digitalisierung von Arbeitsprozessen im Büro und auf der Baustelle partizipieren. „Ob bei der Arbeitszeiterfassung, bei Aufmaßen und der gesamten Auftragsabwicklung, beim Einsatz von Drohnen oder bei der GPS- sowie Lasersteuerung von Straßen- und Tiefbaumaschinen, die Baubranche zeigt sich innovativ und gut gerüstet.“

„Die Baubranche steht aufgrund und mit der Digitalisierung vor bedeutenden Veränderungen und immensen Herausforderungen“, erklärt Professorin Beate Wiemann, Hauptgeschäftsführerin des Bauindustrieverbands NRW. Als Hauptaspekt der Digitalisierung in der Branche Bau gilt das Building Information Modeling (BIM), also das fünfdimensionale Modellieren von Projekten in der Zusammenarbeit von Bauherr, Planer und Bauausführung. „NRW ist für uns ein fortschrittlicher Digital-Standort. Die neue Landesregierung hat ihre beiden baubezogenen Landesbetriebe – Straßen.NRW sowie Bau- und Liegenschaftsbetrieb – darauf verpflichtet, ab 2020 alle Projekte in BIM durchzuführen. Das ist ambitioniert und daran arbeiten wir nun gemeinsam“, so Professorin Wiemann.

Selbst Bäcker und Metzger produzieren mit digital gesteuerten Maschinen. Die Betriebe haben längst verstanden, dass es beim Thema Digitalisierung nicht damit getan ist, eine Homepage zu haben, sondern dass das Thema auch digitale Arbeits- und Produktionsprozesse umfasst. Und so investieren die Handwerksbetriebe in NRW in moderne Geräte, Maschinen, Computer und Software. Online-Konfiguratoren, CAD, Robotik, kooperative Auslastungsoptimierung gehören bei den Tischlereien und im Lebensmittelhandwerk genauso dazu wie die Verkehrstelematik im Kfz-Handwerk. Für Letztere ist natürlich auch das große Zukunftsthema der E-Mobility wichtig.

Datensicherheit für Mobilität

Im Zuge der Digitalisierung ist das Thema Datenschutz für die Automobilindustrie in NRW immer wichtiger geworden. Um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden, wurde 2017 unter dem Dach des Verbands der Automobilindustrie (VDA) das Nevada Share & Secure-Konzept entwickelt. Dieses setzt an der OBD-Schnittstelle an, welche als Schnittstelle für vernetzte Fahrzeuge dient und den Fernzugriff für Lösungen von Anwendungen von Drittanbietern ermöglicht. Die OBD-Schnittstelle erhöht damit das Risiko einer Sicherheitsverletzung. Als Alternative zur Schnittstelle bietet das Nevada Share & Secure-Konzept dagegen allen Akteuren die Möglichkeit zur Abfrage von im Fahrzeug generierten Daten über den Server eines Fahrzeugherstellers oder einen neutralen Server. Zum Schutz der Fahrzeugsicherheit kann zudem ausschließlich der Automobilhersteller die Berechtigung erhalten, die im Fahrzeug generierten Daten direkt aus der Ferne abzufragen oder Updates durchzuführen. Das vom VDA entwickelte Konzept wird von allen europäischen Herstellern unterstützt und wurde von BMW bereits im Mai 2017 mit CarData auf den Markt gebracht.

Big Data und die Gefahren des gläsernen Bürgers

Datensicherheit ist auch ein großes Thema für die Versicherungskaufleute in NRW – vor allem vor dem Hintergrund von Big Data und der zunehmenden Individualisierung von Versicherungstarifen. Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) hat dazu in einem Leitantrag klargemacht, dass Versicherer aktuell versuchen, durch technische Möglichkeiten der digitalen Informationsgewinnung wie Big Data neue individualisierte Produkte zu entwickeln. Hierzu zählen u.a. Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung oder Gesundheits-Apps und Fitnessarmbänder, sogenannte Wearables, mit synchronisiertem Datenaustausch zum Kranken- bzw. Lebensversicherer. Diese neuen Produkte ermöglichen eine individuelle Bepreisung von Versicherungen in Abhängigkeit der entsprechenden Risiken.

„Wir warnen ausdrücklich vor der umfassenden Individualisierung von Versicherungsprodukten, da diese zu einer Erosion des Versicherungssolidarprinzips führen wird“, mahnt Verbandspräsident Michael H. Heinz. „Marktversagen und eine verstärkte politische Regulierung ist die logische Konsequenz, die nicht im Interesse der gesamten Versicherungsbranche ist. Wir fordern die Versicherungswirtschaft auf, am Versicherungssolidargedanken festzuhalten und die langfristigen Folgen einer Produktindividualisierung mit Augenmaß zu berücksichtigen. Zudem sehen wir Fragen der Datensicherheit als Compliance-Risiko für die Versicherungsunternehmen kritisch. Wir geben zu bedenken, dass ein Missbrauch der Kundendaten fatale Auswirkungen auf die Reputation der gesamten Branche haben könnte.“

Elektronische Patientenakte für NRW

NRW hat auch im Bereich Digitalisierung des Gesundheitswesens viel zu bieten. „Ich denke hier etwa an das Zentrum für Telematik und Telemedizin“, erklärt Dr. Hermann Kortland, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller. „An der RWTH in Aachen werden innovative telemedizinische Methoden erprobt und an der Hochschule Niederrhein in Krefeld befassen sich Studierende mit der Kombination aus moderner Informations- und Kommunikationstechnologie sowie dem Gesundheitswesen.“ Der Verband verfolgt dabei auch mit Interesse, dass man in NRW ein eigenes Projekt zur elektronischen Patientenakte (ePA) auf den Weg gebracht hat – das Projekt EPA.nrw. „Dies ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, um Erfahrungen zu sammeln und Vorreiter zu sein, da es hier auf Bundesebene seit vielen Jahren hakt“, so Dr. Kortland weiter. „Eine ePA wird aber nur dann ihr Potenzial entfalten können, wenn drei entscheidende Faktoren gegeben sind: Erstens müssen die Standardfunktionen der ePA bundeseinheitlich festgelegt sein. Zweitens müssen Ärzte die ePA anerkennen und voll in ihren Praxisalltag integrieren. Und drittens muss gewährleistet sein, dass Patienten umfassenden Zugang zu ihren Daten haben. Hier ist also noch viel zu tun.“

Der 4D-Druck schafft neue Möglichkeiten

Digitalisierung ist für die Chemieindustrie in NRW kein neues Thema. Viele Unternehmen haben ihre Anlagen bereits automatisiert und setzen für die Steuerung digitale Prozesse ein. Schaut man auf Unternehmen, gibt es z.B. in der Präzisionslandwirtschaft des Digital Farming neue Ansätze. Unterstützung kommt für den Landwirt aus der Chemie nicht mehr allein in Form von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, vielmehr sollen Apps helfen, Krankheiten und Schädlinge auf dem Feld zu identifizieren und die optimale Dosierung für die Behandlung der Kulturen zu finden. Weitere Module – etwa zur Analyse der Bodenbeschaffenheit und der Wettervorhersage – ergänzen das datenbasierte Modell, mit dem der Landwirt seinen Betrieb steuern kann. Ein weiteres Beispiel findet man in der Medizintechnik, im 3D- oder zukünftig sogar im 4D-Druck. Werkstoffe aus dem 4D-Druck haben als zusätzliche Dimension ein Formgedächtnis, das sich zu einem bestimmten Zeitpunkt aktivieren lässt. So können medizinische Implantate in einer leicht zu verarbeitenden Form hergestellt werden, die dann am gewünschten Ort im Körper ihre gespeicherte Form annehmen.

Die Verknüpfung von digitalen Dienstleistungen mit Produkten der Chemie- und Pharmaindustrie ist dabei der Schlüssel für zusätzliche Wertschöpfung. Die großen Chemieunternehmen ermitteln dabei ihre Chancen und entwickeln neue und veränderte Geschäftsmodelle. 91 Prozent der Chemieunternehmen in Nordrhein-Westfalen haben jedoch weniger als 500 Beschäftigte, 81 Prozent sogar weniger als 250 Beschäftigte. „Unsere Branche ist also zu einem sehr hohen Prozentanteil mittelständisch strukturiert und dort ist häufig das Thema Digitalisierung noch nicht vollkommen angekommen“, erklärt Uwe Wäckers vom Landesverband Nordrhein-Westfalen, Verband der Chemischen Industrie. „Das liegt an der Komplexität des Themas und daran, dass viele kleinere Unternehmen nur schwer Ressourcen freimachen können, um sich ausreichend mit den Potenzialen und Chancen der Digitalisierung auseinanderzusetzen und um zu schauen, wo sich daraus Veränderungen für das eigene Unternehmen ergeben.“ Im Verband dreht sich derzeit das Thema Digitalisierung im Wesentlichen um die Bereiche Themenrecherche und Zusammenarbeit. „Und in Zeiten, in denen jeder gewohnt ist, sich in sozialen Netzwerken auszutauschen, werden wir 2018 auch ein soziales Netzwerk für unsere Mitglieder aufbauen“, so Wäckers.

Vernetzen Sie sich im Landescluster für Maschinenbau und Produktionstechnik

Bedeutende Innovationen gelingen selten im Alleingang. Aus diesem Grund kommt dem Thema Vernetzung auch beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau NRW (VDMA NRW) eine besondere Bedeutung zu. „Vernetzung und die Kooperation mit Partnerunternehmen, Forschungseinrichtungen und Hochschulen ist für die mittelständisch geprägte Branche des Maschinenbaus eine wichtige Erweiterung der eigenen Möglichkeiten“, weiß Geschäftsführer Hans-Jürgen Alt. „Dabei heißt es häufig auch, Vorbehalte, z.B. hinsichtlich des Know-how-Schutzes, zu überwinden und die Chancen einer solchen Vernetzung oder Zusammenarbeit in den Blickpunkt zu stellen. Industrie 4.0 ist interdisziplinär und kann nur zielführend umgesetzt werden, wenn Unternehmen über ihre Grenzen hinwegblicken und sich branchen-, disziplin- und unternehmensübergreifend vernetzen, national wie international sowie entlang der Wertschöpfungskette.“

Wichtige Hilfestellungen bietet der Verband in seiner Funktion als größte Netzwerkorganisation des europäischen Maschinenbaus. Nordrhein-westfälische Unternehmen sollten dabei nicht nur den Landesverband des VDMA mit seinem breiten Leistungsspektrum nutzen, sondern auch weitere Plattformen – so z.B. die Angebote des vom VDMA NRW durchgeführten Clusters ProduktionNRW. Dieses steht als Landescluster für Maschinenbau und Produktionstechnik allen Interessierten branchenübergreifend zum Informationsaustausch, zur Vernetzung und zum Wissenstransfer offen.

Solch einen Wissenstransfer kennt auch das Handwerk mit seinem Kompetenzzentrum Digitales Handwerk (KDH). Das KDH unterstützt die Betriebe dabei, die Digitalisierung voranzutreiben und zu verankern. Dazu informiert das Zentrum bundesweit Unternehmer, Unternehmerinnen und Führungskräfte aus dem Handwerk über die betrieblichen Einsatzmöglichkeiten digitaler Technologien und leistet Hilfestellung bei der praktischen Umsetzung in den Betrieben. Das KDH fokussiert sein Angebot auf fünf Themenschwerpunkte, die in fünf Schaufenstern illustriert werden. Die Schaufenster, wie z.B. das Schaufenster West an der Handwerkskammer Koblenz, dienen als Lern- und Teststandorte, um Demonstrations- und Pilotvorhaben sichtbar und erfahrbar zu machen.

NRW – die Heimat der Digitalisierung braucht eine moderne Infrastruktur

NRW ist die Heimat der Digitalisierung und Industrie 4.0 in Deutschland – Forschung, Entwicklung, aber vor allem die Vernetzung von Wissen und Ideen prägen die Unternehmens- und Wissenschaftslandschaft hierzulande. „Doch NRW kann nur dann wirtschaftliche Spitzenpositionen erklimmen, wenn den Unternehmen und Menschen eine moderne Infrastruktur zur Verfügung steht – digital sowie auf Straßen und Schienen“, resümiert Thomas Rick, Landesvorsitzender des Interessenverbandes Die Familienunternehmer. Den längst fälligen Breitbandausbau beklagen alle Verbände. Zudem müssen Cybersecurity sowie die Modernisierung der Verwaltung vorangetrieben werden. Nur so wird es uns gelingen, NRW in eine wirtschaftlich solide und digitale Zukunft zu führen.

André Sarin | redaktion@nrw-manager.de

Ausgabe 2017