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Bei der Digitalisierungs-Forschung spielt immer öfter der Mensch eine Rolle Foto: © Konstantin Hermann – stock.adobe.com

Der Mensch im Fokus

Digitalisierung ist mehr als Technik. Der Mensch rückt immer weiter in den Fokus der Forschung.



Seit Jahr und Tag bewegt ein Thema die Wirtschaft ganz besonders: Digitalisierung. „Digitalisierung ist der zentrale Technologieschub der letzten Jahre“, sagt Dr. Mario Anastasiadis von der Universität Bonn. Und wo neue Möglichkeiten und Arbeitsweisen entstehen, bleibt auch die Forschung nicht aus. Gerade Nordrhein-Westfalen sieht sich bei der Forschung zur Digitalisierung in einer guten Position: „In NRW besteht ein hohes Maß an Forschungskompetenzen, um den digitalen Wandel erfolgreich gestalten zu können. Ein zentraler Fokus liegt dabei auf einem umfassenden und interdisziplinären Forschungsansatz“, so Verena Hoppe, stellvertretende Pressesprecherin des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft. Die Teilgebiete, in denen geforscht wird, sind kaum zu überblicken. Eine Vielzahl von Hochschulen und Universitäten hat sich des Themas angenommen, mit vollkommen unterschiedlichen Schwerpunkten.

Eine der Programmlinien des Wissenschaftsministeriums mit einer besonderen Nähe zur Wirtschaft ist das Graduiertenkolleg „Digitale Sicherheit“. Unter dem Titel „Human Centered Systems Security – North Rhine Westphalian Experts in Research on Digitalization (NERD NRW)“ wird es an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) koordiniert und befasst sich sowohl mit der Systemsicherheit als auch mit dem Menschen als Sicherheitslücke. „Wir fragen uns: Wie können wir Systeme bauen, die sicherer sind? Wie verwundbar sind existierende Systeme? Und wie können wir Klassen von Angriffen verhindern?“, erklärt Prof. Thorsten Holz vom Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit an der RUB. Nicht vergessen werden dürfe dabei der Mensch. Ein Programmierer müsse wissen, wie er sicher programmiere, ebenso seien der Endanwender und die Gefahr beispielsweise von Phishing-Mails und virenverseuchten USB-Sticks zu berücksichtigen. Das Graduiertenkolleg, bestehend aus 14 Doktorandinnen und Doktoranden aus neun Hochschulen und Universitäten, arbeitet jeweils im Tandem (also im Zweierteam) an einem Projekt zu einem übergeordneten Thema. Zur Seite steht jedem Tandem ein Partner, der den Transfer in die Praxis sicherstellt. Im September lief das Kolleg an und ist auf vier Jahre angesetzt.

Politik zum Thema

Einen gänzlich anderen Fokus hat ein weiteres vom Ministerium gefördertes Graduiertenkolleg mit dem Namen „Digitale Gesellschaft“ unter der Obhut der Universität Bonn. Auch hier wird im Tandem geforscht, an sechs Promotionsprojekten mit insgesamt zwölf Promovierenden. Außerdem gibt es sechs Nachwuchsforschungsgruppen. Alle forschen sie zum Hauptthema „Stärkung und Sicherung der Demokratie in der Digitalen Gesellschaft“. Untersucht werden beispielsweise der Einfluss von Suchmaschinen auf die politische Meinungsbildung und die Parteien im digitalen Wandel. „Mit dazu gehören ein Qualifizierungs- und Vernetzungsprogramm, Tagungen, Workshops, nationale und internationale Summerschools, Vorträge etc.“, weiß der wissenschaftliche Koordinator Dr. Mario Anastasiadis. Auch wenn der Fokus des fünfjährigen Projekts auf der Politik liegt, verspricht es für Anastasiadis einen gesamtgesellschaftlichen Gewinn. Zum einen, weil sich Politik auf viele Bereiche auswirkt, zum anderen durch die Möglichkeiten zum
Transfer: „Wenn wir etwas über den digitalen Strukturwandel im politischen Bereich lernen, lässt sich natürlich auch Wissen für die Akteure aus der Wirtschaft ableiten.“

Die dritte Programmlinie des Ministeriums, „Innovative Medizin in einer digitalen Gesellschaft“, unterstützt Forschungsvorhaben, die medizinische Informationstechnologien mit gesellschaftlichen
Betrachtungsweisen verknüpfen.

Arbeitsforschung steht noch am Anfang

Wiederum einen anderen Schwerpunkt hat das, ebenfalls vom Ministerium geförderte, Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW). Es unterstützt unter anderem Forschungsprojekte, die sich mit dem Thema „Digitalisierung von Arbeit“ und den damit verbundenen gesellschaftlichen Chancen und Risiken beschäftigen. „Auf dem Gebiet stehen wir noch ganz am Anfang. Es gibt bisher nur eine sehr begrenzte Anzahl an empirischen Arbeiten, die fundierte Erkenntnisse über die Veränderungen der betrieblichen Praxis aufzeigen“, so Anemari Karacic, wissenschaftliche Referentin beim FGW. Der Themenbereich umfasst verschiedenste Aspekte, wie Tätigkeits- und Qualifikationsentwicklung, Flexibilisierung und Entgrenzung von Arbeit, Mitbestimmung sowie Strukturwandel und Regionalentwicklung. Zum Thema Flexibilisierung lässt das FGW beispielsweise derzeit untersuchen, inwieweit Co-Working auch für Personengruppen aus dem nicht-kreativen und nicht-selbstständigen Bereich genutzt werden kann. So könnte das Pendelaufkommen in Zukunft eingeschränkt werden. Auch beim FGW gilt jedoch: Die Technologie allein ist nicht der einzig wichtige Faktor bei der Digitalisierung: „Wir orientieren uns an dem sozio-technischen Ansatz, der das Zusammenspiel zwischen Mensch, Technik und Organisation in den Blick nimmt“, sagt Karacic.

Immer wieder steht der Mensch im Mittelpunkt, sei es in der Systemsicherheit, in der digitalen Politik oder der Arbeitsforschung. „Das Verhältnis von Mensch und Technik ist lange vernachlässigt worden und wird jetzt wieder stärker zum Thema“, so Karacic. Ohne den Menschen, da sind sich die Forschenden einig, geht die Rechnung der Digitalisierung nicht auf, er ist ein entscheidender Faktor. Eine der zentralen Fragen bei der Forschung ist für Prof. Thorsten Holz deswegen auch: „Wie können wir den Menschen besser verstehen?“

Keine Eintagsfliege

Und in noch einem Punkt stimmen die Wissenschaftler überein: Das Thema Digitalisierung ist sicher keine Eintagsfliege: „Im Gegenteil, das ist der Anfang der Diskussion“, ist sich Anemari Karacic sicher. Die Felder, die in Zukunft angegangen werden könnten, sind äußerst heterogen. Anastasiadis nennt zum Beispiel die Robotik, den Strukturwandel in der Industrie und das Cybercrime als mögliche Zukunftsthemen in der Forschung. Für Thorsten Holz ist die Sicherheit der autonomen Geräte eine Frage der Zukunft. Noch könnten Angreifer beispielsweise die Verkehrszeichen für autonome Autos leicht manipulieren. Hier müssten in Zukunft Lösungen gefunden werden. Das Ministerium wiederum will das Hauptaugenmerk zukünftig verstärkt auf die IT-Sicherheit, die Bereiche „künstliche Intelligenz“ und „Big Data“ und die Digitalisierung in der Gesundheitsforschung und Medizin richten. Auch prüft das Ministerium für Kultur und Wissenschaft derzeit die Einrichtung und Etablierung eines NRW-Instituts für Digitalisierungsforschung als Think-Tank zur ganzheitlichen Betrachtung des digitalen Wandels: „Zahlreiche Fragestellungen der Digitalisierung, insbesondere mit Blick auf die Künstliche Intelligenz, sind von einer solchen Komplexität, dass sie erfolgversprechend nur interdisziplinär unter Einbeziehung technologischer und gesellschafts- und geisteswissenschaftlicher Disziplinen beantwortet werden können“, so Hoppe. NRW ist also auf dem Weg zum Digital-Forschungsstandort, das Ziel ist aber noch lange nicht erreicht.

Nathanael Ullmann | redaktion@nrw-manager.de

Ausgabe 2017