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Weniger Audit, mehr Beratung

Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung wachsen in Deutschland schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Dabei geht der Konzentrationsprozess immer weiter.



Im Finanzzentrum von Deutschland sind die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften nachdrücklich präsent: KPMG residiert an der A3 am Frankfurter Flughafen in einem Gebäude, das einem gestrandeten Wal ähnelt. Marktführer PwC hat sein Domizil im vierthöchsten Gebäude Deutschlands, einem 200-Meter-Tower mitten in „Mainhattan“. Zu den sogenannten „Big Four“ gehören auch EY und Deloitte. Sie stehen für etwa 83 Prozent des gesamten Wirtschaftsprüfungsumfangs in Deutschland und gehen aus einem langen Konzentrationsprozess hervor.

Margen gestiegen


Die Big Four konnten ihre Umsätze im Jahr 2015 um 8,1 Prozent steigern; die 25 nach Inlandsumsatz führenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (WPG) um 8,2 Prozent, so ermittelte das Marktforschungsunternehmen Lünendonk, das jährlich die Spitze der Branche untersucht und gut 70 Prozent des Marktes abbildet. Im Mittel kamen die untersuchten Firmen auf ein Plus von 6,4 Prozent und lagen damit deutlich über den
eigenen Erwartungen.

Prüfungs-Honorare unter Druck


Das gute Wachstum der Branche ist weniger auf die Abschlussprüfung zurückzuführen, sondern vielmehr auf Steuer- und Rechtsberatung sowie Business Consulting, so die Beobachtung von Jörg Hossenfelder, dem geschäftsführenden Gesellschafter von Lünendonk. In die Strategieberatung drängen die großen WPG seit Jahren hinein: „Davon abgesehen, dass Deloitte seit jeher Strategieberatung in Deutschland anbietet, kann der Ausbau des Consultings sowohl als Reaktion auf die komplexeren Kundenerwartungen als auch auf den gestiegenen Honorardruck bei der Abschlussprüfung bewertet werden“, so Hossenfelder.

Umsatzbringer Tax


Steuerberatung (Tax) machte 2015 laut Lünendonk 45,8 Prozent der Umsätze in der Branche aus, die klassische Wirtschaftsprüfung (Audit) nur noch 34,1 Prozent – in diesem Bereich wurde zehn Jahre zuvor noch etwa die Hälfte der Umsätze erzielt. Die Anteile für Advisory lagen 2015 bei 10,1 Prozent und für Rechtsberatung bei 7,7 Prozent.

Gutes Personal gesucht


Die Branche sieht vor allem die Rekrutierung von qualifiziertem Personal und den erhöhten Preiswettbewerb als Herausforderung an, außerdem die Akquisition neuer Mandanten, die zunehmende Digitalisierung, die weitere Reglementierung und die Sicherung der bestehenden Mandantenstruktur. Obwohl Lünendonk nur die größten Unternehmen der Branche befragt, wird die sich fortentwickelnde Marktkonsolidierung von immerhin fünf Prozent als „sehr großes“ und von immer noch 40 Prozent als „großes“ Problem gesehen.

Chance in der Nische


Hier gilt es, sich klug aufzustellen: „Im Mittelstand werden weiterhin selbstständige Wirtschaftsprüfungsgesellschaften erfolgreich sein, auch wenn der Druck zunimmt“, sagt Jörg Hossenfelder. „In Nischen und mit Spezial-Know-how lässt sich gut wirtschaften. Der Druck wird eher bei den mittelgroßen Wirtschaftsprüfern zunehmen.“ Chancen für die Kleineren der Branche sieht auch Klaus-Peter Naumann vom Institut der Wirtschaftsprüfer in der Mandantennähe, in der Rolle des „Hausarztes“ für Unternehmer und je nach Situation auch in einer gewissen Spezialisierung. „Es gibt zum Beispiel Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die stark als Insolvenzberater engagiert sind. Mit diesem Know-how kann man Unternehmen, die in einer schwierigen Lage stecken, dabei helfen, aus der schwierigen Situation herauszukommen“, sagt Naumann. „Ein solcher Aufbau von Know-how kann sogar einen Vorsprung vor den größeren Wettbewerbern geben – zumindest aber ermöglicht er es, auf Augenhöhe mit den großen Wettbewerbern zu agieren.“ Denn vermutlich werden die Big Four auf absehbare Zeit die Big Four bleiben – aber es gilt für die kleineren Marktteilnehmer zu verhindern, von dem mächtigen Quartett einverleibt zu
werden. Claas Möller | redaktion@niederrhein-manager.de

Ausgabe 08/2017