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Geschäftsführer Karl Peter Biller

Von Kanadiern lernen

Julia Dombrowski kennt das vielleicht netteste Volk der Welt. Und wüsste gern, ob man sich von ihm was abgucken sollte.



Kanada ist vermutlich das freundlichste Land dieser Erde. Wenn ein Kanadier mal ein wilder Vandale sein will, dann bepflanzt er die Schlaglöcher seiner Straßen mit Blumen – damit das Straßenbild hübscher wird. Und wenn ein kanadischer Polizist einen Fahrer aus dem Verkehr herauswinkt, dann muss das nicht daran liegen, dass der Fahrzeugführer sich etwas zuschulden kommen ließ – im Gegenteil: In Kanada gibt es nämlich Tickets der Verkehrspolizei für vorbildliches Verhalten.
Vielleicht sollte man sich die kanadische Freundlichkeit zum Vorbild nehmen, wenn man in der Geschäftswelt wieder einmal gereizt auf Unsitten reagiert. Unsitten am Telefon beispielsweise, die irgendwelche Marketingcoaches erfunden, in die Welt gesetzt und dann auch noch in Vertriebsseminaren zu ihrer Verbreitung beigetragen haben. Künftig könnte man es mal versuchen: Nicht diejenigen anknurren, die einem den Arbeitsalltag verleiden – sondern diejenigen mit Lob überschütten, die das nicht tun.
Wie wäre es damit, jeden mit Komplimenten zu belohnen, der versucht, am Telefon etwas zu verkaufen, aber trotzdem nicht jeden einzelnen seiner Sätze mit dem Namen seines Gegenübers beendet. „Guten Tag, Frau Dombrowski, das könnte Sie interessieren, Frau Dombrowski, ich habe da eine spannende Möglichkeit für Sie,
Frau Dombrowski …“ Wer Mitarbeiter von Vertrieben und Callcentern jemals eingeimpft hat, das sei ein Erfolgsrezept für gute Verkaufsgespräche, der gehört … Ach nein, falsche Taktik. Nicht die anknurren, die einen in den Wahnsinn treiben – sondern die anderen loben. Vermutlich ist im Land der schulterklopfenden Verkehrspolizisten der Satz „Vielen Dank, dass Sie meinen Namen nicht sagen“ eine ganz normale Alltagsphrase.
Immer wieder sind Vertriebe so freundlich, von sich aus bei mir anzurufen. Zum Beispiel, um mir Angebote zu unterbreiten, natürlich während meiner Arbeitszeit – in der bin ich schließlich höchstwahrscheinlich zu erreichen. Dummerweise verplane ich meine Arbeitszeit sehr gerne mit Arbeit und bin deshalb nicht sonderlich erpicht auf diese Anrufe. Zumal die Anrufer oft ungern sofort auf den Punkt bringen, was sie eigentlich von mir wollen, sondern erst mal ihre langatmige Einleitung herunterleiern möchten. Wenn man wie ich eher höflich ist (ich könnte an guten Tagen glatt Kanadierin sein!), mag man Menschen am Telefon nicht einfach abwürgen. Ich höre mir einen Vertriebssermon dann also mehr oder weniger geduldig an. So wie neulich: „Vielleicht wussten Sie schon, dass unser Unternehmen neuerdings eine Kooperation mit ... und Sie als langjährige Kundin ? und deshalb würde ich Ihnen gerne
erklären ..." ?– Irgendwann wurde es selbst meiner höflichen Ader zu langatmig. Trotz meiner guten Kinderstube unterbrach ich den Sprechenden, verwies auf die Tageszeit – eine übliche Bürostunde – und bat darum, einfach zu verraten, was er mir anbieten wolle. Seine überraschend ehrliche Reaktion: „Nein. So arbeiten wir nicht.“ Ach so.
Was würde ich als Kanadierin in dieser Situation tun? Das Gegenüber loben, dass es wenigstens nicht in jedem Satz meinen Namen wiederholt hat?

Julia Dombrowski | redaktion@niederrhein-manager.de

Ausgabe 07/2015