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Transformation? Ohne mich!

Julia Dombrowski bewundert die Widerständler gegen die digitale Transformation. Halten sie die Macht der Maschinen auf?



„Terminator“ hätte uns eine Warnung sein können: Die Maschinen übernehmen die Weltherrschaft. Wenn moderne Autos sich mit pädagogischer Strenge weigern, den Motor zu starten, weil der Fahrer noch nicht angeschnallt ist, liegt die Frage nahe: Fängt’s jetzt also an? Jeder Kaffeevollautomat hat heute mehr Macht als seine Bediener: „Ich will jetzt gereinigt werden! Ich will eine Wartung!“ Was soll man dem denn entgegensetzen? Die ganze Welt beugt sich der Technologie. Die digitale Transformation ist unaufhaltsam. Oh, Moment, wirklich die ganze Welt? Nein, ein Buchhalter beugt sich als Einzelkämpfer der Übermacht. Sein Unternehmen ist längst schon digital transformiert: Am Eingang wird jeder Mitarbeiter namentlich auf dem Flatscreen begrüßt, sobald er seinen Chip zur Zeiterfassung ans Lesegerät hält. Kundenfragen beantwortet das Unternehmen auf digitalem Weg via Facebook. Sämtliche Datenmengen, die über die Jahre entstanden sind, werden heute in der Cloud gespeichert, irgendwo im Nirgendwo des digitalen Zeitalters. Und selbstverständlich wissen die Jalousien vor den Bürofenstern von selbst, wann sie sich zu öffnen und zu schließen haben. Sogar die Zimmerpalmen haben Angst, in naher Zukunft durch digitale Konkurrenten ersetzt zu werden. Und unser einzelner trotziger Widerstandskämpfer, was macht der? Er weigert sich hartnäckig, eingehende Rechnungen zu begleichen, solange sie nicht als Ausdruck vor ihm liegen. Ein Ausdruck, der vom einreichenden Mitarbeiter persönlich und handschriftlich unterschrieben zu sein hat. Papierloses Büro? Dass er nicht lacht! Was er nicht anfassen kann, ist auch nicht zu bezahlen. Kein Flehen hilft, kein Betteln. „Wir sind doch digital transformiert …“ „Kein Ausdruck, keine Überweisung!“ Für die Römer war das kleine gallische Asterix-Dorf mit Sicherheit ein peinliches Tabu-Thema, über das sie bei Familientreffen lieber schwiegen. So ähnlich hält man den Buchhalter geheim, der mit seiner unerbittlichen Weigerung, eine digitale Rechnung zu akzeptieren, das Konzept des Unternehmens 4.0 ad absurdum führt. Und was soll man dagegen tun? Man kann unmöglich entnervt einen Buchhalter entlassen. Buchhalter sind immer die Personen im Unternehmen, die das delikate Hintergrundwissen haben. In mindestens einem Unternehmen dieses Landes gibt es exakt diese Art Buchhalter mit exakt dieser Form von Widerstandsgeist – das ist durch persönlichen Kontakt belegt. Die Dunkelziffer in Deutschland ist garantiert groß: Digital transformierte Unternehmen sprechen einfach nicht gern über die Saboteure, die ihre Notizen immer noch lieber auf Post-its als in die Computer-Cloud schreiben. Die passen so wenig ins Gesamtbild des modernen Unternehmergeists wie eine gehäkelte Klopapierhülle auf der Kundentoilette der Apple-Zentrale. Irgendwie ist es schön, dass ein paar Konservative das Unaufhaltsame verlangsamen. Schon heute werden jeden Tag doppelt so viele Smartphones produziert wie Babys geboren. Längst nicht annähernd so viele Menschen, die ein Handy besitzen, besitzen auch eine Zahnbürste. Wir wissen seit „Terminator“, dass die Maschinen die Macht sowieso übernehmen werden – macht doch nichts, wenn das dank eigensinniger Buchhalter ein paar Tage später passiert als vorgesehen.
Julia Dombrowski | redaktion@niederrhein-manager.de

Ausgabe 06/2017