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Totenkopf als Zeichen für giftige Substanzen: Toxische Führungskräfte verseuchen ihre Mitarbeiter (Foto: ©Argus - stock.adobe.com)

Vorsicht Gift!

Oft ist toxischen Firmenlenkern, Managern und Führungskräften ihr giftiges Führungsverhalten gar nicht bewusst. Für das Unternehmen sind solche Toxiker jedoch äußerst schädlich.



Das Meeting an einem späten Freitagnachmittag liegt fast acht Jahre zurück, doch Annika Martin erinnert sich immer noch mit Schrecken daran. Die damals 36-jährige studierte Publizistin hatte im März 2009 ihren neuen Job bei einer PR-Agentur angetreten “ voll motiviert, mit jeder Menge Elan. “Damit war es aber bald vorbei“, berichtet Martin. Der Grund: Ihr Chef, der sogar auf ihre satte Gehaltsforderung eingegangen war, um sie für sein Unternehmen zu gewinnen, würdigte Martin schon kurz nach der Einstellung keines Blickes mehr.
Auf ihre Ideen ging er nicht ein; wenn er der neuen Mitarbeiterin auf dem Flur begegnete, grüßte er kaum. Immer wieder kritisierte er Martin bei Meetings harsch, Lob äußerte er nie. “Ich konnte dieses Verhalten überhaupt nicht einordnen, fragte mich ständig, was ich denn falsch machte“, erzählt die ehemalige PR-Frau. Nach und nach wich der anfängliche Spaß an der Arbeit einem immer größeren Unbehagen. “Ich hatte oft schon am Sonntagnachmittag Magenschmerzen vor lauter Angst, am Montag wieder in die Agentur zu gehen“, berichtet sie.
Doch das, was bei dem Freitagnachmittag-Meeting geschah, betraf gar nicht Martin selbst. “Ein Kollege sollte sein Konzept für eine neue Kampagne präsentieren“, weiß sie noch. Fast die gesamte PR-Agentur war bei dem Arbeitstreffen anwesend. “Mein Kollege war deswegen unsicher, er versprach sich immer wieder, kam nicht zum Punkt“, berichtet Martin. Auf einmal stand ihr Chef von seinem Platz auf, stellte sich breit vor den präsentierenden Mitarbeiter hin und sagte: “Jetzt reicht es, langweilen Sie uns am Freitagnachmittag nicht länger mit Ihrem Quatsch!“ Damit beendete er das Meeting. In diesem Moment wurde Annika Martin klar, dass ihre eigenen Probleme mit dem Chef gar nichts mit ihrer Arbeit zu tun hatten. “Er ist ein menschenverachtender Vollidiot“, dachte Martin. Und dann kündigte sie.

Gift führt zu Blockaden und Lähmungen

Mit ihrer negativen Erfahrung steht Annika Martin nicht allein da. Manager und Vorgesetzte, die mit Mitarbeitern ähnlich umgehen wie ihr ehemaliger Chef, sind nicht selten anzutreffen. Das unfaire Verhalten dieser Zeitgenossen kann facettenreich sein, eines jedoch haben sie gemeinsam: Sie sind toxisch. “Das mag übel klingen, doch das Wort trifft die Verhaltensweisen solcher Führungskräfte sehr gut“, sagt Martin, die inzwischen Psychologie studiert hat und als Therapeutin in Berlin tätig ist. Toxische Führungspersönlichkeiten versprühen ein Gift, das über kurz oder lang selbst die motiviertesten Mitarbeiter blockiert, lähmt, weniger leistungsbereit und -fähig werden lässt, sie physisch und psychisch belastet “ bis sie schließlich kündigen.
Dabei haben toxische Chefs oder Manager in der Regel keineswegs die Absicht, ihren Mitarbeitern zu schaden. “Oft steckt ein Mangel an Selbstbewusstsein oder ein geringes Selbstwertgefühl hinter dem giftigen Verhalten solcher Führungskräfte“, erklärt Martin. Das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit treibt die “Toxiker“ nicht selten dazu, sich selbst enorm viel abzuverlangen, sich ständig unter Druck zu setzen, was zu Überlastung und Gereiztheit führt. Der permanente Stress entlädt sich dann bei den Mitarbeitern. Dabei sind es oft gerade die besonders klugen oder kreativen Köpfe, die am meisten unter dem toxischen Verhalten ihrer Vorgesetzten zu leiden haben. Denn sie werden unbewusst um ihre Fähigkeiten beneidet. “Auch Mitarbeiter, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten und sich durchaus Kritik erlauben, geraten häufig ins Visier ihrer toxischen Chefs, weil sie sich selbst oft nicht als meinungsstark empfinden“, sagt Martin.
Die Formen giftigen Führungsverhaltens sind vielfältig “ und wirken sich unterschiedlich schlimm aus. “Natürlich sind Choleriker in einer Firma gefürchtet“, sagt Martin. Dennoch kommen viele Mitarbeiter immer noch besser damit zurecht, hin und wieder ein Donnerwetter zu erleben, als permanent ignoriert zu werden. “Regelmäßiges Feedback ist ein ganz wichtiger Hebel, wenn es darum geht, Mitarbeiter emotional an die Firma zu binden“, sagt Marco Nink, Senior Practice Consultant beim Berliner Beratungs- und Forschungsunternehmen Gallup. Doch in diesem Punkt herrscht eindeutig Mangel. So zeigt etwa der Engagement Index, eine Studie, die Gallup seit 2001 jährlich anhand von Fragen an deutsche Arbeitnehmer erstellt, dass im Jahr 2016 nur jeder zweite Mitarbeiter überhaupt einmal mit dem Vorgesetzten über seine Arbeit gesprochen hat. Lediglich 14 Prozent berichten von einem regelmäßigen Austausch.

Zweifel an der eigenen Arbeit

Ist zu wenig Feedback schon negativ, so hat es noch viel stärkere Auswirkungen, wenn über Ideen, die Mitarbeiter anbringen, nicht einmal diskutiert wird. “Auch wenn Chefs auf Fragen oder Vorschläge per Mail tagelang nicht reagieren, löst dies das Gefühl aus, ignoriert zu werden“, sagt Nink. Dauert dieser Zustand an, so stellen sich bei den Betroffenen Unsicherheit und Zweifel daran ein, ob die eigene Tätigkeit überhaupt eine Bedeutung für das Unternehmen hat. “Natürlich kommt bei betroffenen Mitarbeitern dann auch die Frage auf, was sie falsch machen und warum Kollegen gehört werden, während der Chef sie selbst mit Missachtung straft“, erklärt Annika Martin.
Deutliche Unterschiede in der Behandlung von Angestellten zu machen ist ebenfalls eine üble Form toxischen Führungsverhaltens. Wer Lieblinge erwählt, sie ständig bevorzugt und ihre Leistung vor den Kollegen lobend herausstellt, erzeugt Frustration bei denen, die nicht zum erlauchten Kreis gehören. Damit sinkt der Spaß an der eigenen Arbeit, Ideen werden nicht mehr entwickelt, Innovationen bleiben auf der Strecke, Neid und schlechte Stimmung im Kollegenkreis oder Team nehmen zu.
Die effektivste Art, Mitarbeiter in die “innere Kündigung“ zu treiben, besteht jedoch darin, sie immer wieder vor versammelter Mannschaft vorzuführen “ und so zu demütigen. Wer so vorgeht, erzeugt nicht nur Frust, Angst und riskiert nach der inneren die tatsächliche Kündigung der Betroffenen. Er setzt auch das Wohl des gesamten Unternehmens aufs Spiel.

Gerechtigkeit wiederherstellen

“Mitarbeiter, die über längere Zeit unter dem toxischen Verhalten ihres Vorgesetzten leiden, haben den Wunsch, für sich selbst wieder Gerechtigkeit herzustellen“, erläutert Nink. Dies versuchen sie, indem sie es darauf anlegen, die Firma bewusst zu schädigen. So beraten sie etwa Kunden nicht mehr richtig, empfehlen Produkte nicht weiter, äußern sich öffentlich schlecht über ihr Unternehmen und beeinflussen die Kollegen. Kurz: Sie werden von dem vom Chef versprühten Gift verseucht und werden selbst toxisch.
“Sobald sich ein anderer Job bietet, greifen diese frustrierten Mitarbeiter dann zu und kündigen“, sagt Nink. Und eine neue Stelle zu finden ist in Zeiten, da die Konjunktur brummt, nicht schwer. “Für kleine und mittelständische Unternehmen ist es aufgrund des Fachkräftemangels ohnehin nicht so einfach, einen guten Mitarbeiter schnell zu ersetzen“, weiß Nink. Schade, wenn ein kluger Kopf geht, nur weil der Chef oder ein Manager sein giftiges Verhalten nicht erkannt und in den Griff bekommen hat. “Es ist absolut klar, dass solche Führungskräfte eine geradezu zerstörerische Wirkung auf ihr Unternehmen entfalten“, sagt Martin. “Wer nicht begreift, welchen Schaden er mit seinem toxischen Verhalten anrichtet, hat es letztendlich auch verdient, wenn seine besten Kräfte das Weite suchen“, findet sie. Und dass sie selbst ihrer PR-Agentur vor acht Jahren den Rücken gekehrt hat, hat sie nie bereut.

Andrea Martens I redaktion@muensterland-manager.de

Ausgabe 01/2017